Intime Kabinenmomente

Kennen Sie das auch? Zielsicher haben Sie sich im Warenhaus dieses bunte Oberteil vom Kleiderständer gepickt, laufen beschwingt und mit von Erinnerung gklänzenden Augen an der zustimmend lächelnden Verkäuferin vorbei in die Umkleidekabine, um dann beim Blick in den Spiegel mit hängenden Schultern zuzugeben, dass die hippe Modefarbe so ar nicht zum immerblenden Grau Ihrer Schläfen passt?

In solchen intimen Kabinenmomenten prallen Traum und Realität mit voller Härte aufeinander. Mal wieder völlig unerwartet. Denn gefühlt stehen wir höchstens am Altersrand de Jugendkults.

Freilich, die letzten vierzig Jahre haben Spuren hinterlassen: in der Höhe der Taille und vor allem im Gesicht, unterhalb der Lachfalten. Trophäen des Lebens allemal. Doch das Gefühl, die Zeit besiegt zu haben ist flüchtig. Was bleibt, sid die Erinnerung.

Als Zehnjähriger konnte ich mir kaum vorstellen, dass jemand mit vierzig Jahren noch leben kann. Jahre später, als ich laut Ausweis dann knapp über diese Altersgrenze gerutscht war, plapperte mein achtfähriger Sohn mit ernster Miene die These heraus, dass Oma schon längst tot sein müsste. Endzeitstimmung machte sich breit.

Mehrere Jahre verbrachte ich im inneren Widerstand. Subversiv agitierte ich auf zahllosen Cocktail-Partys, bot Mittdreißigern schwungvoll meinen ergatterten Sitzplatz an, rührte dabei locker in meinem Martini und flüsterte: „Schon gehört? in der Münchener IT-Branche liegt der Altersschnitt bei acht-und-zwanzig!“ Das tat gut. Lange Zeit.

Dicg seit der letzten Bundestagswahl regieren „Parteien der Mitte“ mein Land und versetzen Schüler der Generation „Abi 2000“ in Ministerämter für Gesundheits- und Familienplanung. Mahnend betreut von einem Bundspräsidenten Anfang Fünfzig. Typ ewiger Veater, der aber qua Gesetz gar nichts zu sagen hat.

Wenn das die Mitte der Gesellschaft ist, wie weit ist es dann noch bis zum Rand? Und bin ich von der Mitte aus überhaupt noch zu sehen?

Dann neulich, in einem solch gnadenlosen Moment, als ich dem Kabinenspiegel Auge in Auge gegenüberstand und mir die Lagerfelds, Joops und Armanis der stilkonservativen Modeindustrie im Nacken-Etikett saßen, huschete über die Trennwand der Nachbarkabine ein uneingeschräkt besunderndes „nice!“, hauchend beleitet von einem charmant-erotischen „wow“ – in tiefstem Amerikanisch.

Nun dauerte es nur noch Sekunden: Fast trotzig quetschten sich Erinnerungen und Filmsequenzen zwischen Vorhang und Spiegel, zeichneten das ach so typische Bild von dieser auch in Modefragen freien Spezies aus Übersee: Dort zwängen sich selbst die Dicken, Alten und Runzeligen in enge quietschbunte und irgendwie überhaupt nicht zusammenpassende Fummel, um damit wie selbsterverständlich sogar ihren Kontinent zu velassen.

Ich hofte tief Luft, hob die hängenden Schultern auf respektable Breite, griff nach dem bereits abgelegten Trend-Hemd im „new look“ und schob den Kabinenvorhang zur Seite – der Herr im Spiegel lächtelte mir zu.

 

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