Lebenskunst Alter

Im Fernsehen gab es eine Sendung mit dem Titel Die Wahrheit über das Alter. Aber gibt es diese eine Wahrheit überhaupt? Alt sein spielt sich für jeden individuell ab. Jeder und jede muss mit den unterschiedlichsten Bedingungen und Entwicklungen umgehen. Nachdem lange Zeit, vor allem in den 80er, 90er und 2.000er Jahren, meist negativ über das Alter berichtet wurde, ist die heutige Tendenz eher umgekehrt. Und wie sieht die Realität aus?

Mein Alltag ist geprägt von vielen Kleinigkeiten, die meinen Erfindungsgeist herausfordern: z.B. kann ich mich nicht bücken, um einen Kochtopf von ganz hinten aus dem Schrank zu holen. Wie mache ich das? Ich nehme den Pfannenheber und ziehe den Topf damit nach vorne. Zum Bücken brauche ich ein Kissen, auf das ich mich kniee und einen Stuhl zum Abstützen beim Aufstehen. Und so weiter. Inzwischen ist das alles schon zur Routine geworden.

Manche müssen auch lernen, sich mit dem Rollator in den Straßen und dem Verkehr zu bewegen, ja, mit dem Rollstuhl gefahren zu werden. Das ist oft mit Scham verbunden. Aber inzwischen sieht man viele Menschen mit Rollator in der Öffentlichkeit. Sie verstecken sich nicht mehr. Ich war froh, als ein guter Freund mich mit dem Rollstuhl durch den Britzer Garten fuhr – in einer Zeit, in der ich einen solch langen Weg nicht hätte gehen können. Wieder musste ich etwas Neues lernen, nämlich Hilfe zu akzeptieren – z.B. einen angebotenen Platz in Bahn oder Bus anzunehmen. Anfangs war das wohl ein Problem: Schau, das ist eine alte Frau. Höflichkeit kann an Grenzen stoßen und kränken, wenn man älter wird. Man kann es auch einfach als Privileg des Alters ansehen.

Natalie Hettinger

Bewegung ist überhaupt das Thema im Alter.

Hindernisse im örtlichen Raum, die zuvor nicht wahrgenommen wurden, werden relevant, der Umkreis verkleinert sich, in dem man sich zuvor bewegt hat. Manche müssen auch irgendwann den Führerschein abgeben und sich im öffentlichen Verkehr zurechtfinden. Ich hatte früher nie Probleme mit dem Laufen und habe dies viel, schnell und gerne getan. Irgendwann konnte ich nur noch langsam gehen. Diese Umstellung ist mir sehr schwergefallen. Ständig habe ich versucht, schneller zu gehen, als es mir möglich war – bis – ja, bis ich irgendwann anfing zu akzeptieren, dass es nur noch langsam voran ging. Und zu meinem eigenen Erstaunen konnte ich dann die Langsamkeit genießen – nach einem hektischen, aufreibenden Leben. Die Langsamkeit – eine neue Erfahrung. Das hatte zur Folge, dass ich eine Abwehr gegen jede Hektik entwickelt habe. So habe ich Langsamkeit und Gelassenheit gelernt.

Auch Essen und Trinken werden aus Gesundheitsgründen bisweilen ein Thema: das Glas Wein, das gesundheitlich nicht ratsam ist, das Kauen von Nüssen, das wegen der Zähne nicht mehr geht. Aber Vorsicht: nicht übertreiben. Ein Witz macht das deutlich: Geht ein Mann zum Arzt und sagt: „Herr Doktor, ich möchte 100 werden.“ Der Arzt fragt: „Trinken Sie Alkohol?“ „Nein.“ „Rauchen Sie“? „Nein.“ „Haben Sie Sex?“ „Nein, das kostet ja zu viel Energie“. „Und warum wollen Sie dann 100 Jahre alt werden?“ Also Gesundheit und Genuss sollten wir gut ausbalancieren.

Und gar nicht denken möchte ich daran, wie es mit dem Hören so gehen könnte – Gespräche und Musik sind mir so wichtig. Und erst mit dem Sehen: ohne Lesen, den Blick in Landschaften und ohne Licht kann ich mir mein Leben nicht vorstellen. Aber es gibt viele Menschen, die auch damit fertig werden müssen.

Die Einschränkungen und diversen kleineren Problemen, mit denen ich zu kämpfen habe, bedeuten, dass ich in meinem alltäglichen Leben ständig etwas verändern muss. Nur so können wir unser Leben als alte Menschen meistern. Altern scheint mir inzwischen eine Lebenskunst zu sein, die eine hohe Flexibilität und Kreativität benötigt. In der Philosophie der Antike ist nach Sokrates Lebenskunst ein wichtiger Bestandteil der täglichen Lebensgestaltung: „Das Spektrum der Vorstellungen zur Lebenskunst reicht von unbeschwertem Lebensgenuss, … über den gelassenen Umgang mit allen Anforderungen und Verwicklungen, die das Leben mit sich bringt …“* Doch von „unbeschwertem Lebensgenuss“ können die meisten von uns Alten sicher nicht reden. Und der „gelassene Umgang mit allen Anforderungen“ ist auch nicht so einfach, obwohl Medizin, Pharma- und Kosmetikindustrie uns das weismachen wollen.

Der Alterungsprozess beeinträchtigt also unsere Fähigkeiten in sensorischer, kognitiver und körperlicher Hinsicht. Vor allem aber ist die Vorstellung, dass mein Gehirn in Verwirrung gerät, grauenvoll, die verlorengegangen Erinnerungen einen Teil meiner Persönlichkeit auslöschen. Denn wie wir wissen, ist die Biologie kein Freund des Alters. Eine wichtige Feststellung, denn die körperlichen Kräfte lassen mit dem Alter in jedem Fall nach, und außerdem kann auch das Vertrauen in unseren Körper abnehmen.

Vieles führt oft zu Abhängigkeiten. Hilfe und Unterstützung sind nötig, während man selber nichts einbringen kann. Auch damit zurechtzukommen, will gelernt sein. Vor allem, wenn unsere Kinder uns unterstützen, ist dieser Rollenwechsel kompliziert. Er funktioniert wohl am besten, wenn durch Gespräche Konflikte bereinigt wurden und es zu einem gegenseitigen Verständnis gekommen ist.

Foto: Hans Keller

Neben den körperlichen und geistigen Beschwerden, gibt es da aber auch noch die psychischen Belastungen: wie z.B. die Diagnose einer lebensgefährlichen Krankheit, womit jede(r) umgehen und versuchen muss, den Mut nicht zu verlieren. Und das Thema Abschied steht in dieser Lebensphase besonders häufig auf der Tagesordnung: sowohl der Abschied von lieben Menschen als auch der eigene Abschied vom Leben, der näher rückt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Gruppe der alten Menschen besonders häufig unter Depressionen leidet. Vor allem trifft das auf die Generation der Kriegskinder zu, die oft während der Bombardierungen oder auf der Flucht viel Schreckliches erlebt hat. Auch im hohen Alter kann Therapie da helfen.

Wir können uns nicht darum herum mogeln – der Kampf gegen das Altern geht verloren. Alles ganz schrecklich? Ein langes Leben ist ein Geschenk. Und die gute Botschaft lautet: Das Gehirn bleibt lernfähig. Das macht es möglich, mit all den mit dem Altern verbundenen Veränderungen umzugehen. Da kommt die Lebenskunst ins Spiel, nämlich „die Bereitschaft, Fähigkeit und der Wille, die eigenen Lebensumstände wahrzunehmen, zu verarbeiten und die Lebensführung im Rahmen der Möglichkeiten persönlich und gezielt zu gestalten.“ Es ist also wichtig, den Realitäten ins Auge zu sehen, das Alter weder zu verteufeln noch zu idealisieren. Aber: Wie kann man auch im Alter ein Leben führen, das einen halbwegs zufriedenstellt?

Die steigenden Lebenserwartungen bringen vielen von uns eine lange, nachberufliche Altersphase. Das bedeutet für viele, frei zu sein von Arbeitszwängen, von Anpassungszwängen, von Erfolgsdruck. Die Freiheiten dieser Lebensphase preist der Wiener Soziologe Leopold Ransmayr in seinem gerontologischen Klassiker „Die späte Freiheit“, der 1983 erschien. Damals war das Buch eine Sensation, denn der Autor stellte damit das ausschließlich negativ besetzte Bild des Alters in Frage. Er räumte später allerdings ein, dass das mit der Freiheit im Alter so leicht nicht sei, denn all diese Veränderungen bedeuten eben auch Einschränkungen von Freiheiten. Aber die Quintessenz seiner Forschungen lautet: Es ist möglich, immer wieder neu anzufangen.

Trotz aller Beschwerden und Herausforderungen, können wir in dieser Lebensphase so selbstbestimmt leben wie nie zuvor. Wir können unseren Lebensrhythmus bestimmen, entscheiden, was wir tun und wie viel. Wir können unser Interesse auf neue Dinge und Themen lenken, neue Erfahrungen machen. Dadurch bleiben wir neugierig – auf die Welt, auf andere Menschen.

Wir können unsere Freiheit auch für politisches Engagement nutzen. Wir haben nichts mehr zu verlieren. Wir können uns von Überkommenem lösen. Wir sind ja eine glückliche Generation, die nicht mehr den Zwängen unterworfen ist, was „man/frau“ tut oder nicht tut im Alter, wie „man/frau“ sich benimmt, sich kleidet. In Brechts Erzählung „Die unwürdige Greisin“ beschließt die Protagonistin nach einem aufreibenden Familienleben, ihr Leben komplett zu ändern. Sie kümmert sich nicht weiter um die Belange der Kinder, sondern handelt ganz selbstbestimmt. Sie besucht Kinos und Gasthöfe, geht ihre eigenen Wege, auch des Nachts. „Sie hat die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt bis auf den letzten Brosamen.“**

Viele von uns sind privilegiert, lange Jahre der Freiheit nutzen zu können. Jahre, Monate, Tage, die kostbar sind. Aber gezählt sind sie schon. Vielleicht macht gerade das sie so kostbar. In dieser letzten Phase müssen wir auch lernen los zu lassen: nicht gelebte Träume, geliebte Menschen loszulassen, von denen wir uns verabschieden mussten. Und irgendwann auch unser eigenes Leben loszulassen. Das ist dann eine besondere Lebenskunst. Bevor wir aber das Leben loslassen, sollten wir „das Brot des Lebens bis auf den letzten Brosamen“ aufgezehrt haben – und zwar genussvoll.

Dorothee Ruddat

* Wikipedia
**Brecht „Die unwürdige Greisin

http://www.die-kunst-zu-altern.de/

 

Stuhlgarten

Ja, viel Schweiß ist geflossen in all den Jahren der Gartenpflege: beim Hacken, Harken und Graben, um die Idylle in Ordnung zu halten. Ja, und da tut sich neuerdings nun ein Problem auf, denn leider sind wir Menschen ja auch dem Werden und vor allem dem Vergehen unterworfen. Und heimlich, still und leise hat sich das Alter auch in mein Leben geschlichen. Aber da hilft kein Jammern und kein Klagen, auch wenn die Gartenpflege – auf gewohnte Weise – inzwischen ein Problem darstellt, da ich mittlerweile auf eine Gehhilfe angewiesen bin. Und da ich mich beim Stehen ja auf meinen Krückstock stützen muss, zur Gartenarbeit jedoch beide Hände brauche, habe ich das Problem folgendermaßen gelöst: Ich bewirtschafte meinen Kleingarten neuerdings sitzend auf einem Gartenstuhl – zur Freude meiner Nachbarn.

Foto: Peter Grießmann

Ich gebe natürlich zu, so ganz einfach ist das nicht. Aber es gibt dabei auch wundervolle Momente, wenn ich z.B. den Stuhl mitten in den Garten stelle. Von diesem Punkt aus reicht der Wasserstrahl aus meinem Gartenschlauch in alle Ecken des Gartens, wenn ich den Stuhl entsprechend einmal rundherum drehe. Ja, und bei dieser Tätigkeit fließt nicht nur das Wasser, sondern ich kann mich – nach dem Motto ‚Die Gedanken sind frei‘ – auch in schöne Erinnerungen versenken.

Zu Kinderzeiten meines Sohnes z.B. hatte dieser großes Interesse an Insekten, vor allem an Ameisen, die den Garten bevölkerten. So klein waren sie, dass man sie hätte zertreten können, was er mit „arme Meisen“ kommentierte. Oder ich erinnere mich an das kleine Nachbarskind, dem ich ein kleines Geschenk geben wollte. Am Gartentor jedoch zögerte sie, meinen Garten zu betreten. Sie war unsicher: „Tante, kann ich denn ‚reinkommen‘?“. „Ja, warum denn nicht?“ fragte ich. „Na ja, Tante – weißt du, ich bin doch nackend.“ Und das war sie tatsächlich.

Es sind viele solcher Erinnerungen, die mir in den Sinn kommen, während ich da so auf dem Stuhl sitze und meinen Garten unter Wasser setze. Es sind Augenblicke großer Harmonie, Balsam für die Seele. Vielleicht sollte ich einen Ratgeber zum Thema „Wie bewirtschafte ich meinen Garten im Sitzen“ schreiben und dabei all die schönen Erinnerungen Revue passieren lassen.

Edda Zint

 

 

 

 

 

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