Brief aus Birmingham

1962 lernte ich in Cambridge ein nettes Mädchen aus Berlin kennen. Später, während eines heißen Berliner Sommers 1963, lebte ich bei ihr und ihrer Familie in der Nähe des Olivaer Platzes. Ich fand einen Studentenjob in einer Filiale des Supermarktes Meierei Bolle im Wedding, um Deutsch lernen zu können. So lernte ich Berlin kennen und lieben – es war viel los und so lebendig. Ich liebte das Theater, die Musik, die Ausstellungen, die Seen und die Parks, liebte es, deutsche Musiker und Maler zu entdecken – Karajan, Karl Hofer, Brecht, hatte Spaß bei den Stachelschweinen und erfreute mich an den Klubs mit ihren aufreizenden Extras. In Berlin genoss ich nicht nur die Kunst. Ganz besonders gefiel mir auch das normale Berliner Leben. Bolle war zu jener Zeit gut organisiert, die Filialen gut geführt und sauber. Erste Eindrücke prägen stark, und ich lernte viel über Deutschland. Über manche Dinge, die ich lernte, kann ich heute noch lächeln: Am ersten Tag im Supermarkt fragte mich der Lagerverwalter, ob ich Durst hätte. Ja, klar. „Was magst du trinken?“ „Hmh, was gibt es denn?“ „Guck dich um, wir haben fast alles.“ „Na, dann vielleicht eine Flasche Bier“, sagte ich etwas unsicher. Er ging zu einem der Bierkästen, nahm eine Flasche heraus und schlug den Flaschenhals feierlich am Transportband ab. „Siehst du, die Mitarbeiter dürfen alles konsumieren, wenn es nur beschädigt ist.“ Da war er sehr streng – er achtete genau darauf, dass Ware vor ihrem Konsum auch ordentlich angestoßen war.

Die Wichtigkeit, die Berlin der Kunst in jenen Tagen beimaß, diese zu entdecken und zu wertschätzen, hat mein Leben stark beeinflusst. Auch Birmingham hat sich der Kunst verschrieben, hat eine wunderbare Konzerthalle gebaut, die international berühmt wurde durch Simon Rattle – unser Geschenk an Berlin.

Früher Vorsitzender, bin ich heute Mitglied im Vorstand von Birminghams größtem Kunstzentrum – wir nennen es Mac (Major arts centre). Es liegt in einem weitläufigen Park in der Nähe des Stadtzentrums. Mit anderen Vorstandsmitgliedern habe ich intensiv daran gearbeitet, Geld für die notwendige Renovierung zu sammeln. Durch die übermäßige Nutzung war eine Erneuerung mehr als nötig geworden. Vor der Schließung hatte das Zentrum mehr als 10 000 Besucher pro Woche, die sich von seinen Galerien, Theatern, Musikveranstaltungen und Workshops angezogen fühlten und sie genossen. Mehr als die Hälfte der Kinder in Birmingham haben Eltern, Groß- oder Urgroßeltern, die im Ausland geboren wurden: in Pakistan, Indien, auf den Westindischen Inseln, in Afrika oder anderswo. Mac möchte all dieser komplexen Vielfältigkeit gerecht werden – das ist eine aufregende und interessante Arbeit. Daran hautnah mitzuwirken, macht viel Spaß und ist sehr zufriedenstellend.
Gestern saß ich mit vier Freunden, alle halbwegs pensioniert und um die 67, in einem Pub in Birminghams Juwelier-Viertel. Wir aßen ein mit Schweinebraten gefülltes Sandwich und tranken ein Bierchen dazu – ziemlich lecker! -, während wir auf unser Leben zurückblickten und über das Rentnerdasein und seine Herausforderungen sprachen. Es fühlte sich zwar leicht verwerflich an, zur Mittagszeit drei Stunden lang in einem Pub zu sitzen – aber es war herrlich.
Jeder von uns hat sich auf seine Weise dieser Situation angepasst. Was wir alle gemeinsam hatten, war viel Energie und der Wunsch, die uns verbleibende Zeit sinnvoll zu verbringen. Wir fanden heraus, dass unsere Großväter alle innerhalb des Juwelier-Viertels gearbeitet haben müssen. Wie sie sind wir im Bewusstsein aufgewachsen, dass Arbeit etwas Wertvolles an sich ist. Unser Ruhestand solle auch so sein.

Ich habe eine Farm am Stadtrand von Birmingham. Vor kurzem haben wir dort einen Hofladen eröffnet, in dem man so wie in früheren Zeiten einkaufen kann. Wir verkaufen große Mengen Fleisch, Gemüse und Obst aus der Region. Einige Spezialitäten wie Pasteten und geräucherten Schinken produzieren wir sogar selbst und die Kunden mögen das. Supermärkte langweilen die Menschen, viel lieber unterstützen sie kleine Geschäfte, kaufen in der Nähe ein und fühlen sich sicherer bei den Produkten. Es macht Spass, wieder an einem wachsenden Unternehmen beteiligt, Teil eines Teams zu sein und dabei auch noch Erfolg zu haben. In ruhigen Augenblicken mache ich etwas ganz anderes: ich habe wieder angefangen, Deutsch zu lernen, um ohne große Schwierigkeiten deutsche Literatur lesen zu können.

Einer meiner Freunde, der mit uns im Pub war, arbeitete früher in einem großen Unternehmen der verarbeitenden Industrie. Mittlerweile ist er wieder halbtags als selbständiger Silberschmied in einer kleinen Werkstatt tätig. Er fertigt dort wunderschöne Silberschalen und stellt Silberlöffel mit Ebenholzgriffen her. Jedes Jahr aber packt er die Koffer und reist für mehrere Monate durch Asien. Wenn man ihm bei seiner Arbeit zuschaut, meint man, das Leben in Birmingham vor 250 Jahren wieder zu entdecken. Es macht ihm große Freude, diese Dinge herzustellen und sie auf dem jährlichen Hopfen-Markt außerhalb von Birmingham auf dem Lande zu verkaufen.

Ein anderer Freund war ein erfolgreicher Anwalt. Er erzählte uns, dass er sich immer noch schuldbeladen fühlt, wenn er unter der Woche einen Pullover trägt. Er ist sehr engagiert innerhalb der Kirchengemeinde und interessiert sich für die lokale Geschichte.

Die meisten unserer Freunde wollen einfach keinen Ruhestand in Gemütlichkeit. Mein Bruder zum Beispiel ist Ingenieur und liebt es, an schwierigen technischen Problemen zu arbeiten. Ein guter Freund von mir ist Antiquar und ich glaube, er wird so lange arbeiten, bis er umfällt. Was uns alle verbindet, ist, dass wir unser Leben lang hart gearbeitet haben. Wir hoffen, dass wir unseren Lebensabend kreativ genießen können.

übersetzt von Wolf Paprotté

Birmingham

Letter from Birmingham

In 1962 I met a lovely girl from Berlin in Cambridge. Later during one long hot Berlin summer in 1963 I lived with her and her family near Oliver Platz. I found a student job in a Meierei Bolle supermarket in Wedding so I could learn German. In this way I came to know and to love Berlin – not because it was clean and well organized – but because it was fun, and lively. I loved the theatre, the music and the exhibitions, the lakes and the parks, getting to know German musicians and painters, Karajan, Karl Hofer, Brecht, enjoying the Stachelschweine, and was excited by the dark night spots with their sexy overtones.

It wasn’t only the Arts I enjoyed in Berlin, – I especially enjoyed the ordinary life of Berlin too. Bolle in those days was certainly well organized, and the shops were well run, and clean. First impressions are so strong, and I learnt a lot about Germany. I can still smile about some of the things I learnt.

Discovering and valuing the importance that Berlin gave to the Arts in those days has been a big influence in my life. Birmingham is committed to the Arts, has built a wonderful Symphony Hall, has become known internationally because of Simon Rattle, our gift to Berlin, but has a long way to go to catch up with cities like Berlin.

On my first morning the foreman in the basement of the supermarket asked me if I was thirsty. Of course yes. „What would you like to drink?“ – „Well what have you got?“ – „Have a look round“ he said, „We have most things.“ – „Perhaps a bottle of beer then“ I said, not quite knowing how to respond. He went to one of the beer cases, took out a bottle and solemnly broke off the top against the conveyor belt. You see, he explained, staff are permitted to consume goods from the shop if they are damaged. He was strict about this – always meticulous that goods were properly damaged before they were consumed.

Formerly I was Chair of Mac, Birmingham’s Major Arts Centre, situated in a large park near the centre of the town, now I am still a Board Member. For the past few years with other Board Members I have been working hard to raise the money to rebuild it. It just became worn out with overuse. Next May it reopens after a long rebuild, and getting it ready is demanding and challenging. Before it closed it had about 10 000 visitors a week, attracted by and enjoying its galleries and theatres and workshops. Because more than half the children in Birmingham have parents or grandparents or great grandparents who were born overseas, in Pakistan, India, West Indies, Africa or elsewhere. Mac has to embrace all this complex diversity – exciting and interesting work. Being closely involved is great fun and satisfying.

Yesterday I sat in a pub in Birmingham’s Jewellery Quarter with four friends – all semi retired average age 67 – enjoying a hot pork sandwich with stuffing and gravy, and a pint – quite delicious -, looking back over our lives and talking about retirement and its challenges. For most of us just sitting in a pub for nearly three hours at lunchtime felt naughty but fun.
Each of us had adapted differently. What we had in common was lots of energy and a desire to use our remaining time and skills valuably. We also worked out that all our grandfathers must have worked in the Jewellery Quarter within about a mile of each other. We like them have grown up seeing work as something valuable in itself, and wanting our retirement to be the same.

I have a farm on the edge of Birmingham and recently we opened a Farm Shop there – trying to go back to shopping as it used to be. We sell lots of meat – including some of the cattle from the Farm, sell local vegetables, local fruits, and we make lots of the things we sell – pork pies, bacon. Customers seem to like this. People are feeling bored with supermarkets, want to support small firms, shop locally, feel safe when they buy things. It is stimulating to be involved with a growing business again, to be part of a team, and to have the excitement of success. In quiet moments I do something quite contrasting and have started to study German again, trying to be able to read German literature without difficulty.
One of the friends with us in the pub used to work in a large manufacturing company, but now has gone back to working part time on his own, as a silversmith in a little garret, beating out beautiful silver bowls, and making silver spoons with ebony handles. But every year he sets out and travels for several months in Asia. Watching him in his workshop is about discovering the life of Birmingham for nearly 250 years. He thoroughly enjoys making things, and sells them at a special annual farmers market outside Birmingham which celebrates the hop harvest.

Another friend has been a successful lawyer, and he was telling us that he still feels guilty putting on a sweater during the week. He is very involved in his local church, and keen on local history.

Most of our friends just do not want a quiet retirement. My brother for example is an engineer and absolutely loves working on complex engineering problems. A close friend is an antique book dealer, and I think he will go on dealing until he drops. The thing that binds together is that we have lived busy lives, and hope to enjoy a lively retirement too.

 

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