Mein Haus ist auch dein Haus

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Mit 61 ehrenamtlich in Guatemala

Barbara Wagner war 38 Jahre Lehrerin, zunächst in Berlin, später im Wendland. Schon lange vor ihrer Pensionierung 2009 träumte sie davon, ferne Länder zu besuchen, besonders die spanischsprachigen in Lateinamerika. Als sie nach der Verabschiedung von Schule und Schülern ihre Reisepläne verwirklichen konnte, entschied sie, nach Guatemala zu gehen, um sich dort ehrenamtlich zu engagieren.

Frau Wagner, wie haben Sie ihr Fernweh gestillt, als Sie in den Genuss des Pensionärsstatus kamen?
Ja, in diesem wunderbaren Status als Pensionärin, (der auf Spanisch übrigens „jubilada“ heißt), konnte ich endlich für eine gewisse Zeit im Ausland leben, im Gegensatz zu den touristischen Stippvisiten aus Urlaubszeiten. Von den fünf Monaten war ich zwei als Schülerin in Sprachschulen, zwei Monate habe ich als Freiwillige gearbeitet und vier Wochen bin ich durch Guatemala und die angrenzenden Länder Honduras und Belize gereist.

Als älterer Mensch ehrenamtlich im Ausland arbeiten, wie organisiert man das?
Nichts einfacher als das: Mehrere internationale Hilfsorganisationen vermitteln solche Aufenthalte, mit oder ohne Sprachkurs für junge Leute und auch gerne für Senioren. Auch die Frage der Unterkunft ist damit geklärt: Sowohl als Sprachschüler als auch als Freiwillige(r) wohnt man in Gastfamilien und hat damit den unmittelbaren Kontakt zur Bevölkerung. Allerdings muss man sich vorher informieren, ob die entsprechende Organisation auch Senioren vermittelt. In meinem Fall habe ich oft „sehr gern“ gehört, bringt man doch Berufserfahrung mit. Die ganz überwiegende Zahl der Freiwilligen vor Ort sind jedoch junge Menschen.

Was bewegte Sie zu einer freiwilligen Hilfe im Ausland und wieviel Abenteuerlust und Neugier auf Land und Leute führten zu diesem Entschluss?
Beide Fragen gehören für mich zusammen. Dies war eine optimale Möglichkeit, gleich drei Anliegen miteinander zu verbinden: Erstens konnte ich die neugewonnene Zeit und Freiheit dazu nutzen, etwas Sinnvolles zu tun, indem ich ein bisschen mithelfe dort, wo Hilfe gebraucht wird. Zweitens habe ich schon immer eine gewisse Affinität zu Lateinamerika und besonders seiner indigenen Bevölkerung verspürt; und als reine Touristin wäre ich nie so nah an sie „herangekommen“. Drittens konnte ich auf diese Weise meine Kenntnisse der schönen spanischen Sprache weiter vertiefen.

Wie lässt sich so ein Aufenthalt finanziell bewerkstelligen?
Flug und Aufenthalt werden von den Freiwilligen bezahlt. Die Rechnung geht trotzdem annähernd auf, weil wir hier in einem reichen Land leben und für all unseren Luxus allmonatlich viel Geld ausgeben. So fallen bei Abwesenheit viele Kosten weg: Heizung, Wasser, Strom, Telefon, Rundfunkgebühren und nicht zuletzt das Auto. Alles abmelden! Wenn man dann noch bedenkt, was man hier für Nahrung ausgibt, dann wird deutlich, dass schnell mehrere hundert Euro pro Monat eingespart sind. Und von denen kann man in einem armen Land gut leben. Eine Woche in einer Gastfamilie, mit Vollpension, kostet ca 80 US-Dollar.

Ich stelle mir vor, dass Sie schon Monate vorher mit Reisevorbereitungen beschäftigt waren. Woran muss man alles denken vor fünf Monaten Guatemala?
Das stimmt; es muss schon einiges vorher bedacht werden: Ich würde niemandem raten, ohne jegliche Sprachkenntnisse loszufahren (gemeint ist Spanisch; mit Englisch kommt man weder in den Familien noch am Einsatzort weiter). Ferner sollte man das entsprechende Impfprogramm durchgezogen und die Frage der Krankenversicherung gut abgesichert haben, denn das Gesundheitssystem in einem armen Land ist nun mal sehr bruchstückhaft. Da als Tätigkeit in Guatemala das Unterrichten vorgesehen war, ergab sich noch folgende Vorbereitung: Eine Schulklasse meiner ehemaligen deutschen Schule wollte eine kleine Patenschaft zu den guatemaltekischen Schülern aufbauen, wozu mir Briefe und Geschenke mitgegeben wurden. Ein zusätzlicher Koffer war schnell gefüllt mit den zahlreichen Mitbringseln und Geschenken, abgesehen von allem Lehr- und Lernmaterial, ahnte ich doch, dass ich diesbezüglich nichts vorfinden würde. Diese Ahnung erwies sich später als goldrichtig.

Wie haben Sie Ihren Arbeitsplatz in Guatemala vorgefunden und auf welche Erwartungen trafen Sie dort?
Da meine Aufgabe ja im Unterrichten von Kindern (Englisch-Anfangsunterricht) bestehen sollte, hatte ich mit einem Schulgebäude gerechnet. Dieses gab es auch in dem kleinen, staubigen Bergdorf auf 2000 Meter Höhe, es war jedoch geschlossen. Es waren Schulferien in Guatemala, – wie jedes Jahr um diese Zeit. Folglich musste improvisiert werden: Irgendwelche klapprigen Tische wurden im Dorf zusammengesucht, dazu ein paar Bänke aus der Kirche geliehen und in einen kleinen, schlecht beleuchteten Gemeinderaum gestellt, – schon war „mein“ Klassenraum fertig und ich bekam die „Schlüsselgewalt“ über ihn.

Meine Schüler waren zwischen 12 und 19 Jahren alt, und sie alle waren noch nie in den Genuss von Englischunterricht gekommen! Entsprechend motiviert waren sie nun, fanden den angebotenen Ferienkurs aufregend und das von mir mitgebrachte Material eine Bereicherung ihrer dürftigen Arbeitsmittel. Dennoch war ihr Erscheinen zum Unterricht alles andere als zuverlässig, und ich musste erst einmal begreifen: Im Schulwesen eines Landes, in dem es praktisch an allem fehlt und dessen Regierung wenig Wert auf ein funktionierendes Bildungssystem legt, ist regelmäßiger Schulbesuch die Ausnahme. Und es gab gute Gründe für das Fehlen der Schüler: Wenn eine helfende Hand auf dem Feld gebraucht wurde, so ging das vor; wenn die jüngeren Geschwister zu beaufsichtigen waren, musste die Bildung hintan rücken.

Wo hat man Sie untergebracht?
Meine Gastfamilie bewohnte ein kleines Haus in diesem selben Dorf. Um mich beherbergen zu können, wurde das elterliche Schlafzimmer geräumt, sogar liebevoll für mich noch einmal neu gestrichen und dann mit irgendwelchen zusammengesuchten Möbelstücken versehen. Alles war sehr einfach, die sanitären Verhältnisse für einen Europäer mehr als gewöhnungsbedürftig, – aber die große Herzlichkeit dieser Menschen, mit der sie mich aufnahmen, unter ihren Schutz stellten und selbstverständlich in die gesamte Verwandtschaft integrierten, machten nicht nur fehlenden Komfort wett, sondern waren menschlich sehr beeindruckend und bereichernd.

Wie haben die Einwohner auf Sie reagiert, Frau Wagner, dass Sie als älterer Mensch aus Europa kommen, um sich dort als Freiwillige zu betätigen?
Nicht nur in dieser Familie, in diesem Dorf, sondern wo auch immer in Guatemala bin ich mit anerkennenden Bemerkungen und Danksagungen überschüttet worden. Es gibt so viele gesellschaftliche Bereiche, wie z.B. Bildung, Menschenrechte, Gesundheitswesen, Umweltfragen, in denen die Bevölkerung von ihrer korrupten Regierung im Stich gelassen wird. Nur durch die Hilfe von Freiwilligeneinsätzen werden hier Projekte vorangetrieben und unterstützt, um lebensnotwendige Abläufe funktionsfähig zu erhalten. Die Menschen wertschätzen den Einsatz ausländischer Helfer sehr (wobei das Alter eher keine Rolle spielt) und bringen das mit Worten wie diesen zum Ausdruck: „Vielen, vielen Dank, dass Sie gekommen sind; Guatemala braucht so viel Hilfe. Möge Gott Sie belohnen“ oder (von einer Gastmutter geäußert) „Wann immer Du wiederkommst, – dieses Haus ist von jetzt an auch Dein Haus“.

Gab es Probleme, als Frau, als ältere Frau, allein zu reisen?
Gerade das „Alter“ bot Schutz wegen der Lebenserfahrung . Für junge Mädchen kann es unter Umständen gefährlicher sein: zum ersten Mal im Ausland, abends unbedingt ausgehen wollen, noch wenige Menschenkenntnis etc. In jedem Alter muss man gewisse Vorsichtsregeln einhalten, denn die Kriminalität ist groß. Hier bieten die Hilfsorganisationen vor Ort Schutz: Sie machen gute Einführungen, weisen eindringlich auf Gefahren hin und betreuen gut.

Waren der Aufenthalt und seine Anforderungen kräftemäßig und mit nicht immer erreichbarer medizinischer Hilfe erträglich für Sie?
Was den Kräfteaufwand angeht, hatte ich vorgesorgt: Weil mir Hitze viel ausmacht, habe ich auf die Jahreszeit, das Klima und die Höhenlage geachtet und mich von vorn herein nur auf eine Halbtagsbeschäftigung eingelassen. All dies kann man auswählen, auch die Art und der Bereich der Tätigkeit. Es ist für jeden etwas Passendes dabei.

Hat sich für Sie etwas auf Ihrer Werteskala verändert nach der Reise? Haben sich neue Perspektiven für Sie eröffnet auf das Leben der Guatemalteken? Und auf ihr eigenes Leben?
Was neu und auch erschreckend für mich war, ist das Ausmaß an Rassismus, mit dem die Nachfahren der Spanier die indigene Bevölkerung behandeln. Obwohl die Maya 60 Prozent der Einwohner dieses Landes ausmachen und die Regierung sich gern mit der reichen Maya-Kultur schmückt und sie für den Tourismus nutzt, leben die Indigenas am unteren Ende der sozialen Skala, sind am meisten von der Armut betroffen und am deutlichsten von den Bildungsmöglichkeiten abgeschnitten.

Eine neue Sichtweise hat sich nicht so sehr auf das Leben in Guatemala ergeben (es war nicht meine erste Reise in ein armes Land), sondern mehr auf unser Leben hier: Auch wenn man weiß: Uns geht es hier gut, so sensibilisiert ein längerer Aufenthalt in äußerst bescheidenen Verhältnissen doch noch mal neu oder anders für das, was wirkliche Probleme sind. Und so bemerke ich bei mir immer ein leises Kopfschütteln, wenn in Bezug auf Deutschland von Armut die Rede ist. Was würde eine Guatamaltekin dazu sagen, die nicht weiß, wie sie ihre sieben Kinder satt machen soll, deren Mann schon lange über alle Berge ist und der in der Regenzeit auch noch ihre Hütte am Hang davonzuschwimmen droht?

Inwieweit sind Vorstellungen, die Sie sich vorher von diesem Freiwilligen-Projekt gemacht haben, eingetroffen oder eben nicht?
Alles, was ich mir gewünscht hatte, ist eingetroffen. Ich wollte wirklich „ran“ an die Bevölkerung, wollte Einblick in ihr Leben bekommen; und das haben sie nur allzu gerne zugelassen und mich mit ihrer Gastfreundschaft, ihrer Herzlichkeit, ihrer Heiterkeit und nicht zuletzt ihrer rührenden Dankbarkeit reich beschenkt.

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Interview: Barbara Coenen

Internationale Freiwilligendienste für Senioren

Infos siehe Gehhilfen

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