Nicht der Welt abhanden kommen

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ManFred Riedel

Eine »Odyssee« nennt er seine Berufsbiografie. Und auf meine Frage, welche Kraft ihn angetrieben habe, wenn er mal wieder auf Hindernisse stieß und neue Wege suchen musste, antwortet er: »Neugier ist der Anfang von allem.«

Beim Betreten der stattlichen Räume seiner Altbauwohnung am Savignyplatz, die er alleine bewohnt, präsentiert sich mir ein schwarzer Hochglanzflügel, aufgeklappt, die Noten beleuchtet. Seine Hausbibliothek könnte einer öffentlichen durchaus Konkurrenz machen.

ManFred Riedel – das »Fred« schreibt er groß, denn von Kind an nannte man ihn beim Handball so – ist 76 Jahre alt und ein Gentleman alter Schule, zuvorkommend und freundlich, mit großen wachen Es ist sein Herzenswunsch, nach dem Abitur 1953 in Leipzig, Kontrabassist zu werden. Das Instrument hatte ihm ein Lehrer nahe gebracht, den er bis heute »zutiefst verehrt«. Studieren darf ManFred Riedel aber nicht, denn er kommt aus »privilegiertem Elternhaus« und die Regelung über die Vergabe von Studienplätzen in der frühen DDR sagt: Nicht vorwiegend Kinder Privilegierter sollen studieren, sondern auch zunehmend Kinder von Arbeitern und Bauern. »Obwohl es auch mich traf, fand ich diese Maßnahme tendenziell richtig und bis heute denke ich so.« In seiner Not bringt ihn der Vater, der noch mehr als der Sohn unter diesem Verbot leidet, als kaufmännischen Lehrling unter.

Von Ost nach West

Ein Jahr später geht er nach West-Berlin, weiterhin auf der Suche nach einem Kontrabassstudium. Hier erfährt er, dass sein Leipziger Abitur im Westen nicht anerkannt wird. Erneut muss er ein Jahr lang das Gymnasium besuchen und zum zweitenmal Abitur machen. Dabei stellt er fest, dass die westlichen Leistungsanforderungen weit unter dem Niveau der ehemaligen Schule im Osten liegen.

Als er nach dem Abitur einem Lehrer der Hochschule für Musik vorspielt, wird ihm zwar hohe Musikalität bescheinigt, jedoch müsse er, um aufgenommen zu werden, Privatstunden zur Aufbesserung seiner Technik nehmen. Für Privatunterricht reicht das sogenannte
Währungsstipendium von 90 DM aber nicht, denn eine Kontrabassstunde kostet 25 DM. Seine Enttäuschung ist groß. Schließlich entscheidet er sich, dem Vater zuliebe, Ökonomie zu studieren. Als Jazz-Bassist in der Eierschale und als Barpianist verdient er sich etwas dazu. Wann er denn das Klavierspielen gelernt habe, möchte ich wissen. Er hat es sich selbst beigebracht. Zuhause, in Leipzig, gab es ein Klavier, auf das er übertrug, was er zuvor auf einem Akkordeon gelernt hatte.

Nach dem Studium beteiligt er sich als freier Mitarbeiter am Aufbau des SFB-Filmarchivs. Aktiv engagiert er sich in der Studentenbewegung der späten 60er Jahre. Er nimmt an Theoriekursen des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) teil, ebenso wie an Demonstrationen der Studenten gegen ehemalige NS-Täter in Bundesregierungsämtern, gegen die Notstandsgesetzgebung und vor allem gegen den Vietnamkrieg. Gegen seine Eltern muss er nicht aufbegehren, da sie antifaschistisch gesinnt sind.

In Frankfurt a. M. arbeitet er ab 1969 ein paar Jahre als Verlagslektor und besucht Vorlesungen von Theodor W. Adorno und anderen Dozenten der Frankfurter Schule.

»Nun komme ich auf Umwegen zu meiner heutigen Beschäftigung«, sagt ManFred Riedel und meint seine Passion, die Geschichte von Städten zu erforschen und sein Wissen bei Stadtwanderungen und in Vorträgen an Interessierte weiterzugeben.

Stadt-Wandern

1970 zieht es ihn wieder nach Berlin. Er ist entsetzt von der Stadt – er findet sie rüde, unfreundlich und durch Abrisse und hässlichen Neubau unansehnlich. Zunächst will ManFred Riedel die Stadt wieder verlassen. Ein weiterer Aufenthalt erscheint ihm unerträglich, bis ihm ein Freund rät: »Du musst diese Stadt und ihre Geschichte begreifen.« Dieser Rat beeindruckt und bewegt ihn und er beginnt, täglich durch Berliner Bezirke zu spazieren. Ein Jahr lang tut er nichts anderes, als die Stadt zu Fuß zu erobern. Ein glücklicher Umstand fügt es, dass Freunde von ihm in der Ständigen Vertretung der BRD in Ostberlin sitzen. Über sie erhält er vierteljährliche Diplomatenvisa und somit kann er ebenso durch die Ost-Bezirke Berlins streifen. Er findet ein Zimmer in der Wohnung eines Freundes und lebt vom Ersparten.

»So habe ich Berlin kennengelernt, mir nahezu strukturell angeeignet. Wo und wie ist die Stadt entstanden? Unter welchen Umständen hat sie sich entwickelt? Historische Verläufe sowie Kenntnisse über dynastie- wie allgemein herrschaftsgeschichtliche Voraussetzungen, allem voran jedoch bau- und kunstgeschichtliche Aspekte formten ein umfassendes Bild von der Stadt.« Über all das legt er eine Bibliothek an, die ihm heute noch zur Vorbereitung seiner Stadtführungen sehr nützlich ist. Er zeigt auf einen Teil seiner Bücherregale. Mir scheint allerdings, er hat längst alles gespeichert, was da sauber geordnet als Druckwerk steht. »Dann fühlte ich mich plötzlich in Berlin zuhause«, sagt er, und es sei ein nicht allzu leichter Gang gewesen, die anfängliche Abwehr gegenüber dieser Stadt zu überwinden.

Nach einem Informatik-Studium lehrt ManFred Riedel an der Fachhochschule für Wirtschaft. Parallel dazu unterrichtet er an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften eine Art angewandter Semiotik, bezogen auf Städte und Kunst
– bis er 2000 pensioniert wird.

Diese Lehrtätigkeiten sind für seine Stadt-Wanderungen von großer Bedeutung. Denn ManFred Riedel beschäftigt sich als Dozent geradezu wissenschaftlich mit dem »Phänomen Stadt« und nimmt das, was er lehrt, in sein Zivilleben hinüber. Als Beispiel nennt er Seminare zum Thema »Die Semiotik der Stadt«, in dem »das Zeichenhafte« der Städte aufgedeckt und interpretiert wird. »Im Vordergrund meiner Führungen steht nicht das, was man sieht, sondern stehen die Voraussetzungen, die dazu geführt haben. Also, nicht die Museumsinselbauten, wie sie sind, sondern ihre Entstehungsvoraussetzungen und Baugeschichte.«

Immer häufiger geschieht es, dass ihn Freunde ansprechen, ob er sie nicht durch Berlin führen könne. Das tut er gerne und bewegt sich schon längst in den Spuren eines Städteerklärers.

Sommerkonzerte

Doch ausschlaggebend für sein heutiges Engagement wird in den 90er Jahren die Freundschaft mit dem Begründer der Brandenburgischen Sommerkonzerte. Man-Fred Riedel fährt einmal mit und ist begeistert von der Idee, Stadt-, Land- und Parkführungen mit abendlichen Konzerten zu kombinieren. Sehr bald beteiligt er sich als bau- und kunsthistorischer Berater an diesem Projekt. Er reist in brandenburgische Städte, schaut sie sich genau an, ihre Straßenverläufe, Kirchen, Parks und Museen sowie bestimmte Besonderheiten der Orte. Über das Gesehene macht er sich Notizen, notiert sich auch Anekdotisches und Skurriles und verarbeitet es dann zu Vorträgen, die er anlässlich der Konzertreisen hält.

In dieser Zeit sammelt er nicht nur enorme Kenntnisse über städtische Zusammenhänge, sondern entwickelt auch eine eigene Methode, sich einen Ort anzueignen.

»Im Grunde mache ich das heute genauso in Leipzig, Dresden oder Weimar; nahezu durch alle Städte Brandenburgs könnte ich führen. Aber ich kann diese Methode auch auf Wien, Paris oder andere Städte übertragen, natürlich nach einer gewissen Vorbereitungszeit.«
Das seien eben glückliche Umstände gewesen, dass er sich am Projekt Brandenburgische Sommerkonzerte beteiligen und sich darin schulen konnte, große Gruppen von 50 bis 200 Menschen durch Städte zu führen.

Den Zuhörern gefallen die Führungen häufig und das erzählen sie weiter. Bis heute erhält er Anrufe von Menschen, die er gar nicht kennt, aus Ost wie West, auch aus der Schweiz oder Österreich: »Wir kommen nach Berlin, können Sie uns führen?« Oder es wird angefragt: »Wir kommen mit einer Gruppe, zeigen und erklären Sie uns dieses oder jenes von Berlin.« Einmal tagten Mitglieder einer namhaften Bank am Pariser Platz; für sie hält er einen Vortrag über die Geschichte des Pariser Platzes – vom Acker bis zur Gegenwart – weil sie gerade dort zusammengekommen sind.

Bis heute hat er ein Zimmer an der Hochschule für Wirtschaft und Recht, als Beauftragter des Präsidenten, als »Kulturattaché«, wie man ihn da nennt. Mit Gästen der Hochschule oder ihres Präsidenten, die aus New York oder Petersburg, Mexiko oder China kommen, macht er Städteführungen, geht ins Konzert mit ihnen oder in die Museen.

Was tut man im Alter?

Ob ihm das nicht sehr viel Disziplin abfordere, in seinem Alter so häufig zu verreisen, lange Stadtwanderungen zu führen, Vorträge auszuarbeiten? »Disziplin hat ein Schwesterchen, und das nennt sich Motivation – natürlich ist es günstiger, motiviert zu sein, als sich disziplinieren zu müssen,« antwortet er und lacht verschmitzt dabei.

»Was tut man im Alter und warum tut man es? Die jugendliche Vergnügungsartistik lässt ja nach, also, muss man als alter Mensch eine Gegenbewegung schaffen. Das hat auch etwas mit Verteidigung zu tun: Die kleine Welt des Selbst vor der Beschleunigung der großen Welt in Schutz zu nehmen. Solang dies biologisch möglich ist, nicht der Welt abhanden kommen durch Selbstvernachlässigung, wobei hier Vernachlässigung nicht nur auf das äußere Erscheinungsbild bezogen ist, sondern auf Haltung und Interesse in gleicher Weise. Das Geschehen beobachten und auf dem Laufenden bleiben.« Seine Devise sei, aktiv an Ereignissen teilzunehmen und die Facetten gesellschaftlicher Entwicklungen zu beobachten. Natürlich solle der alte Mensch auch von Zeit zu Zeit innehalten und die Verlangsamung seines Körpers akzeptieren.

Wie würde er entscheiden, wenn er noch einmal vor dem Studieren stünde?
»Ich würde Geschichte plus Bau- und Kunstgeschichte studieren, Musikunterricht dazu nehmen und Orgel spielen lernen.« Mit dem Orgelspielen hat er übrigens gerade begonnen.

Riedel-Helm

 

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