Off- oder Online?

Das Internet und die anderen digitalen Technologien werden für alle und in immer mehr Alltagsbereichen zunehmend wichtiger und bedeutsamer.
Es besteht wohl kein Zweifel, dass in unserer Zeit ein funktionierendes Internet durch seine informativen, kulturellen und politisch wichtigen Inhalte vielen Nutzern dienlich oder unentbehrlich sein kann. Immer mehr Menschen können und wollen auf keinen Fall mehr auf das Internet verzichten.

Gerade den älteren Menschen stehen hier besondere Möglichkeiten zur Verfügung, mit denen sie ihre oft eingeschränkte Mobilität besser bewältigen können. Sie könnten – um nur wenige Beispiele zu nennen – Kontakte pflegen, Bankgeschäfte erledigen, Pflegetipps oder ärztlichen Rat einholen, Waren bestellen und liefern lassen oder im Notfall Hilfe herbeirufen.

Aber öfter hört man Klagen wegen der zunehmenden Digitalisierung oder beobachtet ablehnende Einstellungen von älteren Menschen. Wir wollen hier einige dieser negativen Aussagen anführen:

Wir brauchen das Internet nicht; früher sind wir auch ohne ausgekommen.
Es ist eine fremde Welt für uns. Wir wollen unsere Ruhe haben.
Leider benutzt die IT-Branche Wörter, die keiner versteht (Matse, Bot, Trolle u.ä.).
Andere Familienmitglieder „erledigen das mit dem Internet“.
Die Datenfülle macht mich konfus. Ich habe den Eindruck, dass ich manipuliert werde.
Für mich ist die Bedienung sehr schwierig, weil mir niemand hilft.
Die Einarbeitung in das neue Medium ist mir zu mühsam. Wenn ich jung wäre, würde ich mir die Mühe machen. Aber so lohnt sich das nicht mehr für mich.
Es fehlt an passenden Angeboten.  Ich komme nicht mehr zur Volkshochschule. Das ist mir zu weit.
Das Internet ist ein aktives Medium, das Fernsehen ein passives Medium, das viel genutzt wird, weil dafür meist ein Knopfdruck genügt. Das gefällt mir besser.
Das Onlinebanking ist mir zu kompliziert. Meine Bankgeschäfte erledige ich lieber persönlich.
Das Internet dient vorwiegend kommerziellen Interessen statt dem Gemeinwohl.
Wir werden von den Internetplattformen überwacht und von der Wirtschaft für dumm verkauft.
Ich habe Angst vor Internetkriminalität.

 „Wie viele ältere Menschen nutzen das Internet? Warum nutzen etliche ältere Menschen das Internet nicht oder nicht so wie die jüngeren?“
 Im Netz findet man unter dieser Fragestellung u.a. folgende Informationen:
Bei einer Befragung, die von der Bertelsmann-Stiftung in Auftrag gegeben wurde, zeigte sich, dass in Deutschland rund 10 Millionen Menschen im Alter über 60 Jahren offline sind. Aber auch diejenigen älteren Menschen, die das Internet nutzen, haben oft keine ausreichenden Kenntnisse über digitale Techniken.
Die Autoren der Studie sind enttäuscht und können sich eine bessere Nutzung der Medien durch alte Menschen vorstellen. Sie sagen, es genüge es nicht, eine App auf sein Smartphone herunter zu laden oder das Onlinebanking zu nutzen. Es werde besonders für die älteren Mitbürger immer wichtiger, alle Vorteile der digitalen Angebote wahrzunehmen, sei es, um unabhängiger zu werden, vorhandene Dienste zu nutzen, der Einsamkeit zu entrinnen, länger in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben oder ärztliche Hilfe herbeirufen zu können. Deshalb sei es auch notwendig, das eigene Handeln im Netz richtig einzuschätzen und mit Aktualisierungen und Neuentwicklungen umgehen zu können. Die Bertelsmannstiftung, fordert, der wachsenden Anzahl älterer Menschen müssten „niedrigschwellige Angebote vermittelt werden, um digitale Kompetenzen zu erwerben.“
Jedoch nur durch die Zusammenarbeit von Kommunen und Bildungseinrichtungen könne es möglich werden, dass ältere Menschen erfolgreich mit dem Internet arbeiteten.
Die Universität Heidelberg führte ein Forschungsprojekt namens „FUTA“ über den Umgang älterer Menschen mit modernen Technologien durch. Dabei ging es vorwiegend darum, in welchem Maße es sinnvoll und erfolgversprechend ist, wenn technikerfahrene Internetnutzer Unerfahrenen in Fragen der Internetnutzung helfen, denn Technik allein löse noch nicht die Probleme.
Die befragten Älteren nennen Hindernisse, die weitgehend das zusammenfassen, was wir oben an Beispielen angeführt haben:
die Unverständlichkeit der Technikersprache („Technikjargon“) und fehlende Englischkenntnisse
mangelnde Qualität bei der Kaufberatung und den Serviceangeboten
die in den Augen der Befragten zu hohen Anschaffungs- und Folgekosten
ungenügende Transparenz bei den Tarifangeboten
Ängste wegen der Datensicherheit und des ungenügenden Datenschutzes
die fehlenden Zugangs- und Bildungsangebote
keine Möglichkeiten,  neue Technologien ausprobieren zu können
fehlende technische Unterstützung

Viele Menschen sind sich der Möglichkeit, in Abhängigkeit von der digitalen Technik zu geraten, nicht bewusst.
So sammeln z.B. etliche Firmen Daten oder lassen sie sich zusammenstellen, um sich ein umfassendes Bild des Kaufverhaltens ihrer Kunden zu verschaffen. Da liegt es auf der Hand, dass Industrie und Internetplattformanbieter die Offline-Marktlücke aus kommerziellen Gründen nutzen wollen, also an der Information und Förderung der Nichtnutzer interessiert sind. Sie arbeiten mit dem Argument, „die Alten“ würden wegen ihres Alters „benachteiligt“.
Ein Wissenschaftler, ausgewiesener und umstrittener Experte für angewandte Informatik wie Herbert Kubicek stimmt dieser Ansicht zu. Er machte sich zum Anwalt der Alten, nachdem er sich mit Nutzung oder Nichtnutzung des Internets beschäftigt hatte. Die Gesellschaft glaube nicht an die digitalen Fähigkeiten der alten Menschen und schneide sie von der gesellschaftlichen Teilhabe ab. Es gebe daher bei ihnen eine „diffuse Angst“. Die Befragten hätten fast immer von dem Gefühl gesprochen, überrollt zu werden. Jedoch ihre Ängste basierten auf Vorurteilen und weniger aus ihrer Erfahrung. Für eine Studie arbeitete Kubicek mit dem Telekommunikationsunternehmen Telefónika+++, das den älteren Probanden Tablets für Übungszwecke zur Verfügung stellte. Von den verantwortlichen Akteuren in der Politik fordert der Professor, sie müssten Digitalisierung und Demografie zusammen denken und dabei unterschiedlichen Lebensverhältnissen in den Altersgruppen 70+ Rechnung tragen. Alle Älteren, die der Digitalisierung offen gegenüber ständen, brauchten eine differenzierte Unterstützung. Die Bundesregierung solle u.a. 50 Millionen Euro für Tablets bereitstellen.
Es gibt als Folge der Digitalisierung – gerade auch für die älteren Menschen, die mit der neuen Technik noch nicht so vertraut sind – weitere Gründe zur Besorgnis.
Meinungsbeiträge im Netz verdrängen den professionellen Journalismus aus der Öffentlichkeit. Verschwörungstheorien, Fake news, hämische, hasserfüllte oder bedrohliche Posts zersetzen den öffentliche Diskurs, vergiften das Zusammenleben und können bei Wahlen zu verheerenden Fehlentscheidungen führen. Aufmerksame Zeitgenossen warnen aus all diesen Gründen – nicht nur deshalb – vor einer digitalen Diktatur. Patientendaten können an Krankenkassen weitergeleitet werden, und eventuell darüber entscheiden, ob Therapien bewilligt oder abgelehnt werden. Viele Techniker arbeiten ständig daran, neuartige Überwachungsgeräte zu erfinden. Einige Kunden tragen „Effizienzbänder“ am Handgelenk, die ihren Blutdruck oder Pulsschlag messen und Patienten durch unnötige Warnungen erschrecken. Einige lassen durch digitale Geräte ihre Wohnungen oder den Zustand ihres Kühlschranks überwachen. Viele Menschen fallen auf Werbungen herein. Die ökologische Weiterentwicklung führt dazu, dass immer wieder andere Geräte auf den Markt kommen, und die Käufer glauben, nur noch mithalten zu können, wenn sie ein angepriesenes Gerät besitzen. Millionen Menschen sind mediensüchtig geworden und überzeugt, ohne ihr Smartphone nicht mehr leben zu können. Die Nutzung des Internets führt zu einem immensen Energieverbrauch (u.a. bei der Kühlung der großen Rechner) und zur Ressourcenknappheit, Verheerung von Landschaften in Entwicklungsländern und zu nicht unbeträchtlichen Klimaschäden (ein Beispiel ist die Lithiumgewinnung für immer mehr Mobilgeräte).

 Auch ohne Internet können sich alte Menschen unterstützen lassen
(durch Freunde oder Nachbarn, Telefongespräche, Notfalltasten, Versandkataloge, Bankgeschäfte per Post, Lieferservice von Geschäften …). Niemand sollte sich also einreden lassen, dass ein gutes Leben im Alter nur mit dem Internet lebenswert ist. Die Allgemeinheit muss die immer wieder geäußerten diesbezüglichen Bedenken ernst nehmen und den Älteren auch das Recht zugestehen, sich der Digitalisierung und ihren bedeutenden Folgen teilweise oder ganz zu verweigern.

Die Gesellschaft muss aber andererseits auch fähig sein, interessierten Senior*innen die Nutzung aller tauglichen Hilfsangebote zu ermöglichen oder zu erleichtern.
Die Internetnutzung kann ihnen bedeutende Vorteile bringen. Aber die alten Menschen dürfen bei der Nutzung nicht von kriminellen Elementen betrogen oder durch Werbetricks ausgenutzt werden.

Peter Grießmann (81)

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  1. Elke Tesche

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