Partner im Ruhestand

Wecker

Wenn der Wecker nicht mehr klingelt – ein Buch, aber zunächst das Foto: Ein wolkenloser Himmel, ein Strandkorb vor einem tiefblauen Stadtsee (dem Berliner Wannsee). Im Standkorb ein Mann mit Brille und graumeliertem Haar. Er liest eine Zeitung (das Handelsblatt). Die Beine sind übereinandergeschlagen ausgestreckt auf einem hochkant gestellten Aktenkoffer, barfüßig. Die schwarzen, gut geputzten Schuhe liegen achtlos im Sand.

Schuhe, Koffer (und also denken wir: auch der Mann) haben ausgedient.

Auf der Rückseite des Strandkorbs, von diesem (nicht mehr von ihrem Mann) in den Rücken gepiekt eine blonde Frau in einem frühlingsfrischen Blümchenkleid. Sicherlich gehört sie zu ihm. Aber gehören sie sich noch? Er guckt in die Zeitung, sie guckt – fast im Begriffe schon zu gehen – durch ein übergroßes Fernglas in die entgegengesetzte Richtung.

Dies ist die ein wenig arg drapierte, man möchte beinahe sagen barocke Umschlaggestaltung für ein Buch über Partner im Ruhestand. »Die auch schon!«, wollte man aufseufzen. Diese beiden würde man nie und nimmer für Senioren, Ruheständler oder schlicht für „Alte“ halten. So sieht man doch noch nicht aus, wenn … Erschreckend jung sind die meisten Paare, die die Berliner Autorin Bettina von Kleist für ihr Buch über Partner im Ruhestand interviewte. Trotz überaus erfolgreicher Karrieren begannen Ruhestand und dann auch Ruhestandskrise für viele der Befragten wegen der Umstrukturierungen und Fusionen, Konkurse und Konfusionen ihrer Firmen oder Behörden, für die sie meist jahrzehntelang arbeiteten, schon Anfang bis Mitte ihrer 50er Jahre.

Bettina von Kleist, die sich längst mit ihrem genauen Blick auf tabuisierte Themen des Ehelebens einen Namen machte, hat in ihrem neuen Buch die Schwellensituation zum Ruhestand ausgeleuchtet. Dreizehn Paare und sechs Menschen, die ihre Partner durch Tod oder Trennung verloren haben, kommen zu Wort. Am Ende des Buches folgt ein nützlicher Anhang mit konkreten Hinweisen auf Beratungsstellen, Möglichkeiten zum ehrenamtlichen Engagement, Adressen und weiterführenden Literaturempfehlungen.

Die Interviews sind in angenehm aufbereiteten, sprachlich schönen und schließlich auch sensibel kommentierten Berichten wiedergegeben. Zwischen den Berichten gibt es kluge Vertiefungen der Gesprächsinhalte mit psychologischen, soziologischen und kulturgeschichtlichen Exkursen.

Die Themen:

Lebenserwartung früher und heute, die Erfindung der Hausfrau, Ehe im Wandel, Nähe und Distanz etc. Auch die Angst vor dem Tod kommt zur Sprache.

Typisches erscheint:

Die Frauen – endlich froh über ihre Zeit frei zu verfügen – die Männer mehr damit beschäftigt, die plötzliche Zeit totzuschlagen. Die Frauen wirken tatkräftiger, kreativer, jünger, während die Männer auf den Ruhestand mit Apathie und Depression reagieren. Häufig wird das Ende des Arbeitslebens als Scheitern und persönliches Versagen empfunden. Wichtig ist auch, wie der Abschied und wenn möglich die Abschiedsfeier gestaltet wurde, das scheint versöhnlich in den Durststrecken danach.

Denn ohne einen Durchgang durch die Depression, des Gefühls der Nutzlosigkeit und Leere ist das neue andere Ufer, sind die schönen Wege im Frühling des Alters nicht zu haben. Nachdem Mann ein langes Berufsleben Frauen und Kinder vernachlässigt hatte, alles für die Karriere aufopferte, werden nun meist Frau und Kinder als neues Betätigungsfeld entdeckt und mit Beschlag belegt. Papa ante portas.

Nur die Kinder sind längst flügge und die Frauen wollen nicht mehr Betätigungs- oder Belegungsfeld sein, schon gar nicht hören: »Wo warst du so lange?« Das Bindemittel Sexualität und damit ergiebigste Quelle für Wiedergutmachung tritt zurück, partnerschaftlicher, respektvoller oder eben auch frustrierter Umgang tritt an ihre Stelle.

Die Frauen denken durchaus an ihre Männer (wohl mehr als umgekehrt!), sorgen sich um sie, vermitteln Freunde, stoßen zu Aktivitäten an. Doch diese in ihren Berufen und Karrieren aufgehenden Männer haben eben nicht nur Frau und Kinder, sondern immer auch sich selbst vernachlässigt, eigene soziale und kreative Impulse (man sollte dies nicht Hobbys nennen!) konnten sich schwer entfalten. Nun gilt es mitunter aus dem Nichts zu schöpfen. Im gewissen Sinn war Arbeit das probate Mittel, zwischen sich und seinem Tod bzw. zwischen sich und seiner Angst vor dem Tod (und auch vor dem Leben!) etwas dazwischen zu schalten. Mit dem Ende des Arbeitslebens ist dieses Dazwischen weggerissen.

Der sympathische Blick der Autorin gilt nun all den gelingenden, den vor sich hin krepelnden oder auch den misslingenden Bemühungen, ein neues Dazwischen aufzurichten. Das neue Ufer: das sind dann zunächst der Haushalt und – wenn glücklich vorhanden – der Garten:

»Selbst Männer, die zuvor im Haushalt zwei linke Hände hatten, beginnen zu kochen, greifen zum Staubsauger und offenbar am liebsten zum Bügeleisen«.

Im ehelichen Geschirr kommt es zum Geschlechterkampf beim Geschirrspülen. Die Terrains müssen mühselig neu und immer wieder neu abgesteckt werden.

Wie gut, wenn es dann einen Garten gibt!

Liebevoll kommentiert die Autorin nach einem Interview: »Auf der Heimfahrt habe ich noch lange Heiner Lohmanns freudig überraschtes ›So?‹ im Ohr, als seine Frau einflicht, sie liebe ihn noch genauso wie vor 45 Jahren.«

Vielleicht geht es am Ende nur um dies: Die Menschen wollen nun einmal sagen können, dass es ihnen gelungen ist, über die Zeitspanne eines ganzen Lebens hinweg eine intime Beziehung bewahrt und lebendig erhalten zu haben, denn die Fülle gemeinsamer Erfahrung bedeutet ihnen viel.

Es fällt schwer, das Buch einzuordnen: Für die Ratgebersparte ist es zu originell und reflektiert, wissenschaftlich ist es allerdings auch nicht, muss es auch nicht sein. Das Vermögen der Autorin, die Paare zum Sprechen zu bringen, das Gehörte wieder und wieder sprechen zu lassen, und damit selbst noch die kleinsten Nuancen sichtbar zu machen, ist entscheidender und macht dies Buch überaus lesenswert.

So sommerlich frühlingshaft das Titelbild mit seinem Strandkorbszenario, so aufhellend und erhellend ist dieses Buch, das dem vornehmlich negativen Bild vom Ruhestand mit Sympathie und Aufklärung Paroli bieten will.

Bettina von Kleist: Wenn der Wecker nicht mehr klingelt – Partner im Ruhestand
Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2008

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