Rentnerrabatz oder Altersrevolution?

Die Altersschwemme wird in den Medien als Bedrohung dargestellt, die die Grenzen des Solidarsystems sprengen werden. Neue Vorstellungen vom Leben im Alter beginnen sich zu entwickeln. 

Rollator transparent

Sehen Sie es auch schon auf sich zukommen? Sehen Sie das beigefarbene Geschwader der Alten
am Horizont, ihre Mienen zerfurcht, die Haltung wild entschlossen, die Krückstöcke zum Kampf erhoben? Sehen Sie das anschwellende Seniorenheer, wie es in teuren Gesundheitsschuhen mitleidlos vorwärts stapft und die flehentlich ausgestreckten Hände ärmlich aussehender junger
Familien am Wegrand übergeht? Oder können Sie mit solchen Visionen des heraufziehenden Generationenkonflikts nichts anfangen? Sitzen Sie etwa noch friedlich auf dem Sofa, nippen
am Cappuccino, lesen ein gutes Buch und denken, dass alles in Ordnung ist? Dann haben Sie die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt!

Deutschland, so heißt es, befinde sich auf dem Weg in eine beängstigende Überalterung. Da die Lebenserwartung in den letzten Jahrzehnten rasant gestiegen ist, die Lust am Kinderkriegen aber abgenommen hat, drohe uns, so die Demographen, eine Alters-Schwemme ungeahnten Ausmaßes. Eine Bedrohung, die auch gerne mit dem Bild der auf den Kopf gestellten „Alterspyramide“ visualisiert wird. Im Jahr 2030 wird jeder vierte Berliner älter als 65 Jahre sein. Die Lebenserwartung – bei Frauen inzwischen 82 Jahre, bei Männern 76 Jahre – ist steigend. Somit könnte unser Solidarsystem an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit geraten, weil immer weniger jüngere Menschen für die Rente der vielen Alten aufkommen müssen. Laut Statistischem Bundesamt stehen im Jahr 2050 einem Rentenempfänger nicht einmal mehr zwei Erwerbstätige gegenüber. Das heißt, dann hätte jeder arbeitende Erwachsene einen Rentner „am Hals“.

Solche Bedrohungsszenarien werden inzwischen in vielen Medien fast schon genüsslich ausgebreitet. Als einer der ersten hat wohl Frank Schirrmacher, Herausgeber der FAZ, in seinem 2004 erschienenen Buch „Das Methusalemkomplott“ versucht, das Problem umfassend zu beschreiben. Er zitiert alle möglichen Wissenschaftler, die in Bezug auf die „Alterslawine“ zu düstersten Prognosen kommen. Da heißt es z. B.: „Nach 2023 wird Deutschland von einem gerontokratischen System geprägt sein, in dem die Alten über die Jungen entscheiden.“ Auf Grund solch beängstigender Machtverschiebungen, so Schirrmacher, könnten die Jungen sogar anfangen, sich wieder mit dem Thema Euthanasie zu beschäftigen! Düsterer geht es in der Tat nicht.

Was also tun? Soll man sich als alter Mensch schon mal freiwillig zur Notschlachtung anmelden? Soll man sich bescheiden in eine Ecke verkriechen, um niemandem zur Last zu fallen? Oder können Statistiken, Hypothesen und Prognosen nicht auch fehlerhaft sein und von geschichtlichen Entwicklungen überholt werden? Wer kennt schon heute alle künftigen Einflussfaktoren?

Eine völlig neue Vorstellung vom Leben im Alter
Auch in dem Bestseller des vergangenen Sommers stürzte sich ein Autor auf die Demographie, um dann aber – neben der steigenden „Alterslastquote“ – eine noch viel bedrohlichere Tendenz auszumachen! Thilo Sarrazin versucht in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ eine skandalöse Entwicklung zu umreißen: Mit viel statistischem Budenzauber will er belegen, dass die Deutschen langsam von Menschen mit Migrationshintergrund verdrängt werden. Während die deutschen Frauen nun mal keine Lust mehr hätten, Kinder zu kriegen, würden sich besonders die Türken – und dann noch die aus der „Unterschicht“! – reichlich ungehemmt vermehren. Er zitiert Modellrechnungen, denen zufolge es „im Deutschland des Jahres 2100 … 35 Millionen Türken und ungefähr 20 Millionen Deutsche geben“ werde. Die Deutschen, „zu träge und zu indolent“, leben dann in einem „mehrheitlich muslimischen Land mit einer gemischten, vorwiegend türkischen, arabischen und afrikanischen Bevölkerung“. Zwar hat Sarrazin vorausgeschickt, dass es eigentlich „keine wissenschaftlich zuverlässige Methode gibt, Geburtenverhalten und Zuwanderung über mehrere Jahrzehnte verlässlich vorherzusagen“. Das hält ihn aber nicht davon ab, mit solchen Vorhersagen bis zum Überdruss um sich zu werfen.

Und was soll man nun glauben? Werden wir künftig von rabiaten Rentnern dominiert oder doch eher von hormonell äußerst leistungsstarken Muselmanen? Skepsis ist angesagt. Am besten, man hütet sich vor naiver Statistikgläubigkeit und misstraut jeder Zuspitzung ins Katastrophische! Panikmache vernebelt den Verstand.

Den werden wir jedoch brauchen, um gesellschaftliche Fehlentwicklungen zu verhindern. Die Überalterung kann ein großes Problem werden, wenn die Politik sich nicht rechtzeitig Gegenmittel einfallen lässt. Wenn es jungen Frauen durch entsprechende Angebote leicht gemacht wird, Familie und Beruf zu vereinen und keine zu großen Nachteile mit der Elternschaft verbunden sind, wird die Lust am Kinderkriegen wieder zunehmen. Und auch die Zuwanderung kann man in gewissem Maße steuern. Vielleicht werden irgendwann Massen hochqualifizierter Chinesen in unser Land kommen, um als Ingenieure und Computerspezialisten zu arbeiten. Dann werden nicht wenige Deutsche bald ganz und gar untürkisch aussehen! In Zeiten der Globalisierung dürften Wanderungsbewegungen und Vermischungstendenzen zum Normalzustand werden. Hierzulande und anderswo.

Aber zurück zur drohenden „Gerontokratie“ … Wie kann Altern heute gelingen, wenn überall und täglich in der Öffentlichkeit alte Leute vorwiegend als Bedrohung und lästiger Kostenfaktor thematisiert werden? Schon Schirrmacher will in seinem Buch nicht nur Diagnosen stellen. Vielmehr ruft er alle Alten fast pathetisch auf, sich gegen die überall auszumachenden Diskriminierungen zu wehren. Obwohl erst Jahrgang 59, schwingt er sozusagen selbst den Krückstock, um sich an die Spitze dieser Bewegung zu stellen. „Es geht um nichts weniger als eine Revolution, vergleichbar mit den großen Befreiungsbewegungen der Vergangenheit.“

Haben wir es nicht ein bisschen kleiner? Oder ist soviel Pathos berechtigt? Auch Petra und Werner Bruns hauen in die gleiche Kerbe. Sie schreiben in ihrem Buch „Die Altersrevolution“, dass hier eine klassische Emanzipationsbewegung des 21. Jahrhunderts auf uns zukomme. Vorreiter dieser Bewegung, so die Autoren, sei die jetzt alternde Generation der 68er. Sie lebe uns bereits vor, was das Neue Alter ist. Diese Generation begründe „eine völlig neue Vorstellung vom Leben im Alter, das nicht länger auf Gebrechen, Leid, Tristesse und Einsamkeit beschränkt ist, sondern das Aktivität, Zukunftshoffnung, Vitalität und Lebensfreude einschließt.“

Richtig ist, dass wir heute anders alt werden als unsere Eltern. Es gab Ende der 60er Jahre die studentische Protestbewegung, dann die Frauenbewegung und die ökologische Bewegung. Alternative Lebensformen entstanden, und zahllose Bürgerinitiativen erstritten die Teilhabe an politischen Prozessen. Zunehmend wurden Reformen erkämpft, mehr Selbstverwirklichung stand auf dem Programm. Wen wundert es da, dass auch das Altern heute von alternativen Wertvorstellungen bestimmt ist und dass es sich viel individueller vollzieht?! Wer einigermaßen gesund ist und wer es sich leisten kann – und viele Rentner können das -, der will neue Erfahrungen machen und sich nicht in die engen Nischen eines altbackenen Oma- und Opa-Daseins abschieben lassen. Doch noch gibt es keine Traditionen oder „Lebensmuster“, nach denen sich die „neuen Alten“ richten könnten. Jeder muss mit einiger Mühe selbst herausfinden, auf welchen noch ungewohnten Wegen er nach der Zeit der Berufstätigkeit leben will.

Grau ist bunt: Was im Alter möglich ist
Kein Wunder: die einschlägige Ratgeber-Literatur beginnt schon zu sprießen. Besonders populär sind die Bücher des ehemaligen Bremer Bürgermeisters Henning Scherf, der zuletzt mit dem Titel „Grau ist bunt: Was im Alter möglich ist“ auf sich aufmerksam machte. Er beschreibt darin u. a. sein Leben in einer Alten-WG und zeigt damit, wie man es schafft, sich im Alter völlig neu zu orientieren.

Beginnt sich also das Bild des Alters zu wandeln? Werden die Alten als interessante Persönlichkeiten wahrgenommen, die die Gesellschaft mit ihrer Erfahrung und ihren Aktivitäten wirklich bereichern können? Wie sieht das veröffentlichte Bild des Alters aus? Die Fernsehlandschaft wird noch weitgehend von jungen schönen Menschen bevölkert. Besonders bei den privaten Medien herrscht voll der Jugendwahn. Castingfirmen, die das Publikum für „Studio-Events“ aussuchen müssen, haben klare Altersvorgaben, denn angeschrumpelte Menschen passen nicht zur erwünschten jugendlichen Ausstrahlung der Privatsender.

Doch es gibt bereits Lichtblicke. In den vielen Geschichten, die sich diese Gesellschaft über sich selbst erzählt – in Filmen oder Fernsehspielen etwa – kann man hie und da schon betagte „Helden“ und „Heldinnen“ sehen, die zu den Neuen Alten gehören. In dem Fernsehspiel „Mathilde liebt“ darf Christiane Hörbiger, mittlerweile über 70 Jahre alt, Sex mit einem frisch eroberten Mann haben. Und in dem TV-Melodram „Die Schwester“ sorgt Cornelia Froboess – mit 67 – im schrillen Fitnessdress für einige erotische Aufregung, um ihre Schwester (Rosemarie Fendel) auszustechen, die sich als 80jährige frisch verliebt hat! Andreas Dresen lässt seinen Film „Wolke 9“ unter recht faltig aussehenden Menschen spielen, die in hohem Alter noch ein großes Liebesdrama erleben und sich dabei ziemlich oft in den Betten wälzen. Und in dem Film „Mammuth“ düst Gerard Depardieu als langhaariger Rentner auf dem Motorrad durch die Lande, um seine fehlenden Rentenbelege einzusammeln! Flotte Alte auf dem Vormarsch.

Natürlich wird hier auch nach der bekannten Regel Sex sells mit kalkulierten Tabubrüchen um mediale Aufmerksamkeit gebuhlt. Dabei kommt es manchmal zu schlimmen Entgleisungen. Ein Buch wie „Nacktbadestrand“ z. B., das die 80-jährige Elfriede Vavrik verfasst hat, zeigt nichts als eine dumm rammelnde Rentnerin, die von einer Peinlichkeit in die nächste taumelt. Mit Erotik hat das nichts zu tun, mit neuen sinnlichen Erfahrungen im Alter auch nicht. Aber einen Bestseller hat Frau Vavrik natürlich doch produziert, und sie ist von Talkshow zu Talkshow herumgereicht worden.

Wege, Nebenwege und Abwege. Noch ist alles im Fluss. Doch schauen wir uns um: Rentner sind heutzutage immer seltener ein bloß kuchenessendes beigefarbenes „Geschwader“, sie sind aktiv, mobil und kreativ, sie lernen Neues und bringen sich zunehmend ein in ehrenamtlichen Tätigkeiten, als Lesepaten, Ersatz-Mütter oder -Väter, als Theatermacher, Wissensvermittler oder „Spät“-Unternehmerinnen … Ohne die erhebliche Menge an unbezahlter Arbeit, die heute von vielen älteren Menschen geleistet wird, wären viele gesellschaftliche Probleme noch massiver, als sie zur Zeit sind. Ein bloßer Kostenfaktor sind die Neuen Alten wahrlich nicht!

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.