Rentnersyndrom im Ohrensessel

 

„Unruhestand“. Dieses Wort  scheint heute das größte Lob zu sein, wenn über uns als fortschrittliche Rentnergeneration gesprochen wird: nie zu Hause zu erreichen, mit vollen Terminkalendern. Wir sitzen also nicht im Ohrensessel und warten auf unser Ende. Das ist sicher gut so. Aber muss es gleich der Unruhestand und volle Terminkalender sein? Jedenfalls fällt auf, dass auch zunehmend kritisch vom „Rentner-Syndrom“ gesprochen wird, womit das Klagen über Zeitmangel im Ruhestand gemeint ist. Wir könnten doch auch Faulheit genießen, die Muße pflegen und uns dem Glück des Nichtstuns hingeben. Jedenfalls manchmal. Aber dafür würden wir sicher nicht öffentlich gelobt werden. Müßig sein – wollen wir das nicht – oder können wir das vielleicht gar nicht? Was hindert uns daran? Begeben wir uns also einmal auf eine Reise nach den Wurzeln unseres Lebens in Stress, Hektik, ständiger Aktivität, Zeitdisziplin und Zerstreuung, ein Leben geprägt von Arbeit, Leistungsdenken, dem Hinterherlaufen immer neuer Ziele und einem Lebensgefühl von Zeitknappheit. Und an allem hängt unser gesellschaftliches Wichtigsein.

ArbeitFoto: red-skins.de

Arbeit bestimmt das Gesicht unseres Lebens

Die Mythen aller Kontinente kreisen um die Frage: Wie kam der Mensch zur Arbeit? Aus der biblischen Geschichte ist die Vorstellung bekannt, dass der Mensch im Paradies lebte und erst mit der Vertreibung daraus mühsam für seinen Lebensunterhalt arbeiten musste. Arbeit als Fluch und Strafe. Nichtstun wird als etwas Paradiesisches geschildert und auch über die Heilserwartung der Zukunft heißt es: “Zur selben Zeit werden die Berge von süßem Wein triefen und die Hügel von Milch fließen.“ Also alles ist vorhanden – ohne Plackerei.

Zum Beginn der Industrialisierung gab es eine Heilserwartung: dass der Sinn der Technik darin bestünde, dem Menschen zur Faulheit zu verhelfen. So hat der Sozialist Lafargue (1842-1911) für das Recht auf Faulheit innerhalb der Arbeiterbewegung geschrieben und gekämpft.  Zukunftsvorstellung war: täglich drei Stunden Arbeit, ansonsten verschiedene Aktivitäten. Auch bloßes Nichtstun. Aus der ersehnten Heilserwartung wurde nichts und Lafargue klagte: „Die Zeit der Muße … ist nicht eingetroffen; die wilde, wahnsinnige und menschenmörderische Arbeitssucht hat die Maschine aus einem Befreiungsinstrument in ein Instrument der Knechtung freier Menschen umgewandelt.“

Doch immer wieder taucht die Vorstellung auf, dass ja beim Stand der Technik weniger Arbeit möglich wäre. So erklärt der Philosoph und Nobelpreisträger Bertrand Russel (1872-1970) den ökonomischen Mechanismus folgendermaßen: Durch technische Entwicklungen wird von einem Produkt mehr produziert als vorher. Statt dass dann alle weniger arbeiten, tun sie es genauso lange wie vorher, produzieren also so viel wie der Absatz aber nicht gesteigert werden kann. Dadurch gehen Unternehmen Pleite. Folglich arbeitet ein Teil der Menschen weiterhin im Stress, ein anderer ist untätig – arbeitslos. Dann entwirft er die Vision, dass sich mit vierstündiger täglicher Arbeitszeit jeder Mensch das Anrecht auf seinen Lebenskomfort erwerben könnte. Den Rest seiner Zeit könnte er verwenden wie er möchte. Und er fragt sich, warum wir immer noch so arbeitsam sind wie zu der Zeit als es noch keine Maschinen gab.

Haengematte klein

Auch in der Literatur finden sich die Phantasien vom Schlaraffenland, die wir vor allem im Urlaub manchmal pflegen und eine Sehnsucht ist geblieben, wie das in Heinrich Bölls Erzählung Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral deutlich wird:

In einem Hafen an der Westküste Europas schläft ein ärmlich gekleideter Fischer und wird durch das Klicken des Fotoapparates eines Touristen geweckt. Der Tourist fragt den Fischer, warum er denn nicht draußen auf dem Meer sei und fische. Der Fischer antwortete, er sei schon draußen gewesen und habe so gut gefangen, dass es ihm für die nächsten Tage noch reiche. Der Tourist entgegnet, dass der Fischer noch zwei-, drei- oder gar viermal hinausfahren und allmählich ein kleines Unternehmen aufbauen könnte, danach ein größeres Unternehmen und dieses Wachstum schließlich immer weiter steigern könnte. Danach hätte der Fischer dann genug verdient, um einfach am Hafen zu sitzen und entspannt aufs Meer zu gucken. Der Fischer entgegnet gelassen, am Hafen sitzen und sich entspannen könne er doch jetzt schon. (Zusammenfassung)

Diese Erzählung schrieb Böll für eine Sendung des NDR zum, „Tag der Arbeit“ 1963. Sie macht die Absurdität einer Weltsicht deutlich, die sich ein Leben ohne ununterbrochene Aktivität nicht vorstellen kann und in der Arbeit nicht mehr Mittel zum Zweck, sondern zum Mittelpunkt schlechthin geworden ist. Der Tourist kann sich nicht einmal im Urlaub von einem rastlosen Geschäftigkeitsdenken befreien – und ist am Schluss neidisch auf den „ärmlich gekleideten Fischer“. Er ist gespalten zwischen Geschäftsmann, dessen Gedanken immer darum kreisen, neue Ziele zu erreichen – und dem Tourist auf Urlaub, der sich danach sehnt, entspannt am Meer zu sitzen.

Und wie sieht es heute – 50 Jahre später aus? Fast zur selben Zeit als Heinrich Böll diese Erzählung schrieb, wurde der Autor Ulrich Renz geboren und er publizierte letztes Jahr ein Buch mit dem Titel Die Tyrannei der Arbeit. In einem Interview nennt er uns Sklaven der Arbeit. Wir betonen ja in unserer Gesellschaft immer die Wichtigkeit von Freiheit, aber wer lebt als freier Mensch nach seinen eigenen Vorstellungen und verwirklicht eigene Lebensentwürfe? Renz sagt: Es ist „unsere Arbeit, die das Gesicht unseres Lebens bestimmt.“ Die allgemeine Vorstellung, dass Arbeit das wichtigste im Leben ist, hat sich tief bei uns eingeprätgt. Sie ist es, die Herausforderungen bietet und das Leben spannend macht. Wir definieren uns über die Arbeit. Sie macht unsere Identität aus. Wir erfahren durch sie Anerkennung und Wertschätzung.  Arbeit als notwendiges Mittel, um sich den Lebensunterhalt zu sichern, ist weitgehend aus unserem Bewusstsein verschwunden. Obwohl sie doch so manches Mal auch einfach nur anstrengend ist, ja manchmal unglücklich oder krank machen kann.

Was bedeutet das nun für uns als Rentner? Denn diese Überhöhung, ja Vergötzung von Arbeit, die Arbeit als Sinnerfüllung – und man könnte also sagen Religionsersatz – hat die Kehrseite Nichtarbeit als Faulheit zu verteufeln. Und daraus folgt die Bedeutungslosigkeit derer, die nicht arbeiten. In einem Krimi von Donna Leon ist es ein Thema, dass der Vicequestore in Rente gehen wird und Angst hat wie vorm Sterben. Der Kriminalinspektor sagt: „Aber er geht doch nur in Rente.“ Antwort des Kollegen: „Ist das nicht dasselbe?“ – dasselbe wie Sterben? Eine englische Weisheit sagt: The first big shot about retirement is when you realize you have no days off. (Der erste Schock im Ruhestand ist, wenn man merkt, dass man keine freien Tage mehr hat.) Da begeben wir uns lieber in das Hamsterrad von Aktivitäten. Was anderes sind wir auch nicht gewohnt, groß geworden unter dem Motto: „Müßiggang ist aller Laster Anfang“. Dabei: Endlich hätten wir doch einmal Zeit. Aber wir wollen auch sagen können: „Ich habe keine Zeit“. Außerdem droht uns Alten auch noch der Spruch ‚Wer rastet, der rostet‘. Als alte Menschen – Rentner – wollen wir uns nicht das Laster der Faulheit nachsagen lassen, uns nicht auf die faule Haut legen und faulen wie ein vom Baum gefallener Apfel. Und auch keinen Rost ansetzen.

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Es herrscht Zeitwohlstand

Was ist eigentlich Zeit? Im 13. Jahrhundert entstanden in Europa die mechanischen Uhren. Vor deren Erfindung guckten die Menschen in den Himmel, wenn sie wissen wollten, was die Stunde geschlagen hatte. Davor gab es noch die Wasseruhren und Sanduhren. Die mechanische Uhr gibt einen Takt an, aber: Sie ist nicht die Zeit. Wie sehr wir die Uhr mit Zeit gleichsetzen wird deutlich, wenn wir zweimal im Jahr von der „Zeitumstellung“ sprechen. Wir können nur die Uhr umstellen, nicht die Zeit. „Mit der Uhr haben wir uns ein Objekt geschaffen, das uns vorgaukelt, Zeit sei das, was auf dem Ziffernblatt ablesbar ist“, schreiben Vater und Sohn Geissler in ihrem Buch Time is honey. Aber Zeit ist lediglich eine Vorstellung. Wir können sie nicht direkt sinnlich erfassen, weil wir dafür keine Sinne haben – wie die Augen, mit denen wir ein Bild sehen, die Ohren, mit denen wir Musik hören. Wenn wir also z.B. von „Zeit sparen“ reden, ist auch das lediglich eine Vorstellung. Wir können sie nicht verlieren, nicht gewinnen, nicht sparen. Zeit kommt immer neu nach: Wenn diese Minute vergangen ist, kommt die nächste. Es gibt keine verlorene Zeit.

Zeit fließt wie ein Fluss mit abwechslungsreichen Ufern. Wenn nur die Uhr die Zeit ist, haben wir die Ufer planiert, begradigt, sie ihrer Vielfalt beraubt. Vater und Sohn Geissler beschreiben die Vielfältigkeit der Zeit und unterscheiden zwischen der Uhrzeit und der Naturzeit. Uhrzeit ist der starre Takt der Uhrzeiger, Naturzeit ist ein Rhythmus – vielfältig und flexibel. Das kann man am besten mit der Musik vergleichen: dort gibt es den starren Takt und den sich verändernden Rhythmus: schnell – langsam, Intervalle, Pausen, Stille – das sind „Leerstellen…, die den Tönen ihren Klang verleihen“. Naturzeit ist Dunkel und Hell, Morgen und Abend. Auch das Leben hat die verschiedensten Zeitqualitäten wie organisierte, geplante Zeit, Muße, Langeweile, Jetzt.

Dass Zeit eine subjektive Wahrnehmung ist, wissen wir, denn jeder kennt das Phänomen, dass manche Zeit endlos erscheint, z.B. wenn man auf den Bus wartet, oder wie im Fluge vergeht, wenn man wohlig in der Sonne am Strand liegt. Nelson Mandela hat gesagt, dass ihm im Gefängnis eine Stunde wie ein Jahr erschien. Die Zeit ist also keine festgezurrte Größe – die Zeitknappheit also auch nicht.

Zeit ist der Stoff, aus dem das Leben ist – so lautet der Untertitel des bereits erwähnten Buches von Stefan Klein – und wir schneiden ihn zu. Wie schneiden wir diesen Stoff nun zu? Wir müssen eine Auswahl treffen, wissen, was wir wollen und danach handeln, den Rhythmus unserer Tage, unseres Lebens selbst bestimmen, statt uns der Tyrannei der Uhr zu unterwerfen.

Rund um den Globus hat eine Stunde sechzig Minuten, aber die Wahrnehmung und der Umgang damit sind doch unterschiedlich. „Von Kindheit an lernen wir, die Zeitkonventionen unserer Kultur zu respektieren und im Erwachsenenalter sind sie für uns fast wie die Luft, die wir atmen: Wir halten sie für derart selbstverständlich, dass wir uns darüber kaum je Gedanken machen“, sagt der Wissenschaftsjournalist Ulrich Schnabel in seinem Buch Muße. In der Tat gehen andere Kulturen mit Zeit anders um, was den Afrikanern durch den Kontakt zu den Europäern schon in der Kolonialzeit bewusst geworden ist. Sie prägten den Spruch: „Die Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit.“ Man könnte auch sagen: Bei den Afrikanern gibt die Zeit den Rhythmus an, bei den Europäern herrscht die Uhr.

Objektiv sind wir gemessen an Stunden und Jahren reicher als es Mensch je waren. Aber bei uns gilt Zeit als eine knappe Ressource. Wir leben ja auch schon seit Jahrhunderten mit der Erkenntnis Zeit ist Geld – und Geld ist knapp – jedenfalls für die meisten Menschen. Es herrscht also Zeitnotstand, ein Gefühl von Zeitnotstand – obwohl aufgrund der Technik, die uns eigentlich viel Zeit sparen sollte – in Wirklichkeit Zeitwohlstand herrscht. Unsere Produktion ist schneller, der Transport von Waren und Menschen, die Kommunikation per Email und Handy, der Haushalt durch Waschmaschine etc. Und bald macht das überhaupt alles der Roboter. Und doch ist Zeitknappheit, Zeitdruck bei uns das vorherrschende Lebensgefühl.

Der Soziologe Hartmut Rosa analysiert in seinem Buch Beschleunigung und Entfremdung die Zeitmechanismen und beschreibt die Zeitstrukturen als ein „nicht artikuliertes Zeitregime“, das unser Leben „rigoros reguliert, beherrscht und unterdrückt“. Ein Leben beherrscht von Deadlines. Die Maxime lautet: ständige Optimierung in jeder Hinsicht, was ein effektives Zeitmanagement erfordert. Statt Zeitersparnis durch Technik geht es um immer mehr, um immer schneller. Rosa beschreibt, wie unsere gesamte Gesellschaft zu einer Beschleunigungsgesellschaft wird, in der Orte, Beziehungen, Berufe, Werte sich so häufig verändern, dass jede Form von Stabilität und Kontinuität verloren geht. Was heute gilt, ist morgen wertlos. Also auch auf dieser Ebene eine Wegwerfgesellschaft. Und für alte Menschen heißt das: nicht nur, weil wir nichts mehr leisten, sind wir bedeutungslos, sondern unser Erfahrungswissen zählt nicht viel, es ist nichts mehr wert.

Diese Beschleunigung bestimmt das Lebensgefühl, Lebenstempo. Tempo ist der Schlüssel zum Erfolg. Irgendeine Firma ist dann die erste, die wieder eine neue Technik entwickelt hat, die uns Zeit sparen könnte. Aber auch wenn Roboter uns alle Arbeit abnehmen – was würden wir anfangen mit all der freien Zeit? Woher nehmen wir dann unsere Bedeutung und Anerkennung?

Wir können die Langsamkeit der Zeit wieder entdecken. Da befinden wir uns ja auch in guter Gesellschaft, denn Langsamkeit ist angesagt – seit in Rom aus Protest gegen  die Eröffnung eines Fast-Food Restaurants die „Slow-Food“-Bewegung entstanden ist. Und eine französische Weisheit sagt: Wenn du immer rennst, wirst du niemandem mehr begegnen, nicht einmal dir selber.

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Nichtstun- der wöchentliche Hausputz

Und wir Alten? Müssen wir nun immer schneller leben, in dem kurzen Abschnitt, der uns – vielleicht – noch zur Verfügung steht? Gilt auch für uns die Devise des Zeitgeistes: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin? Wer im Bett liegt könnte Aufregendes verpassen. Wir könnten aber auch das Motto „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ umwandeln in ein neues Lebensmotto: Müßiggang ist aller Lebenslust Anfang. In dem Wort Müßiggang steckt ja das Wort Muße. Holen wir es aus der Sprachmottenkiste und fragen: Was ist Muße?

Ulrich Schnabel hat einige Definitionen gesammelt: Muße wird beschrieben als Zeiten, „die wir mit Tätigkeiten füllen, die uns direkt Freude machen.“ Sie „ist die Intensität des Augenblicks…, um sich auf ein einziges zu konzentrieren: Eigenzeit“. Sie „ist die Übereinstimmung zwischen mir und dem, worauf es in meinem Leben ankommt.“ Er zeigt zwei Bedingungen auf, durch die sich Muße definiert: „Zum einen durch das Gefühl, Herr über unsere Zeit zu sein und zum zweiten durch den Verzicht auf immer neue Möglichkeiten und Alternativen.“ Diese Definitionen erstaunen, denn im Vordergrund steht nicht das Nichtstun, das Faul sein, sondern das Identisch sein mit dem eigenen Leben – bis hin zum Augenblick. Nicht Zeitdruck, nicht die Uhr ist dann Herr über unsere Tätigkeiten, sondern das selbstbestimmte Ich. Also: Muße ist selbstbestimmte Zeit.

Das unterscheidet sich von den neuen Entspannungsmethoden, wie der kurzen Schlafpausen während der Arbeit, bei denen es wieder nur um Optimierung geht. Es geht um eine ganz andere Qualität: den Augenblick zu leben. Das bedeutet Langeweile, die lange Weile zu spüren. Eine amerikanische Studie sagt: Der größte Feind des Alters sei die Langeweile. Aber Vielleicht ist es ja auch ganz anders: Der größte Feind des Alters ist die Unruhe. Langeweile bedeutet leere Zeit, leerer Kopf. Davor haben viele Menschen Angst. Die Gehirnforschung allerdings hat herausgefunden, dass man beim „ziellosen Tagträumen keinesfalls nichts tut, sondern im Gegenteil mit etwas höchst Sinnvollem beschäftigt ist: nämlich dem Aufräumen im Gehirn“. Das Nichtstun ist also sozusagen etwas „wie der wöchentliche Hausputz“. Das schafft Platz für Neues. Langeweile lässt einen mehr über sich erfahren als die vielen Aktivitäten.

Wirkliche Muße lässt uns wieder träumen – und sei es nur für den morgigen Tag. So findet man den eigenen Umgang mit Zeit, einen neuen Lebensrhythmus, den eigenen Lebensrhythmus, eigene Lebensziele. Das bedeutet die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und auf sie zu hören, wodurch das Leben für uns an Bedeutung gewinnt. Es gilt immer wieder die Frage zu stellen: nach dem guten Leben, nach dem, was für jeden das gute Leben ist. Gerade weil es ja nur dieses eine Leben gibt, sollte es ein gutes Leben, mein gutes Leben sein.

Und nun?

Das Arbeitsleben, die Geschichte von Arbeit und Faulheit, die kulturellen Mechanismen im Umgang mit Zeit haben unser Leben, unseren Alltag geprägt, so dass es nicht so auf Knopfdruck möglich ist, Muße zu verwirklichen. Das wäre auch ein Widerspruch in sich, denn es würde das Sich-Zeit-Nehmen wieder einem Effizienzdenken unterwerfen. Es braucht also Geduld, sich wieder den Luxus zu gönnen und Zeit zu genießen, den Augenblick, das Glück des Nichtstuns zu genießen. Da können kleine Tricks helfen, wie z.B. Tage im Kalender leer zu lassen, aber als gebuchten Termin zu behandeln. Für die körperliche Wellness nehmen sich viele von uns Zeit. Aber wie steht es mit der Zeit, die wir uns für die geistige und psychische Wellness nehmen?

Dieser Beitrag ist kein Plädoyer für ein „zurück in den Ohrensessel“, der sich ja auf Möbelmessen wieder gut verkaufen soll oder für ein Leben ausschließlich in der Hängematte. Es geht um den eigenen Lebensrhythmus. Es geht um eine individuelle Balance zwischen Tun und Nichtstun, die individuelle Wahl zwischen dem Ausmaß an Unruhestand und Ruhestand. Das Leben von uns Rentnern kann für manche von uns wie ein leerer Raum sein, den wir neu einrichten können: eine Herausforderung, Chance und ein Genuss. Es geht um unsere Zeitzufriedenheit. Unsere Lebenszufriedenheit.

In unserer Gesellschaft mit Erwerbsarbeit als Sinn und Lebensinhalt entkommen wir der Bedeutungslosigkeit sowieso nicht. Versuchen wir es also mit dem Motto von dem Ökonom und Nachhaltigkeitsexperten Fred Luks:  „Entspannen Sie sich. Das ist wahrscheinlich das Beste, was Sie zur Rettung der Welt beitragen können“ – und zu unserem eigenen genussvollen letzten Lebensabschnitt.

 

Literaturliste

Ernst Benz: Das Recht auf Faulheit oder Die friedliche Beendigung des Klassenkampfes
Stuttgart 1974

Manfred Koch: Faulheit, Eine schwierige Disziplin
Springe 2012

Karlheinz A. Geissler, Jonas Geissler: Time is honey, Vom klugen Umgang mit der Zeit
München 2015

Stefan Klein: ZEIT, Der Stoff aus dem das Leben ist
Frakfurt am Main 2006

Ulrich Schnabel: Muße, Vom Glück des Nichtstuns
München 2010

Hartmut Rosa: Beschleunigung und Entfremdung
Berlin 2013

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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