Rock around the Clock – mit 75

Eric_Burdon

Das Alter ist eine Zeit des Verzichts, da wollen wir uns mal nichts vormachen. Auf einiges
müssen wir verzichten, weil unser Körper, unsere Gesundheit nicht mehr mitmachen. Es interessiert ja auch nicht mehr alles, was einen einst begeisterte. Auf anderes glauben wir verzichten zu müssen, weil – naja, weil „man dieses oder jenes eben nicht mehr macht“, wenn man älter, alt ist.Da gibt es nur eins: entweder man macht es trotzdem oder man lässt es. So einfach ist das. Einfach?

Rockkonzerte zum Beispiel. Neulich waren die Pretenders in Berlin. Die sind auch nicht mehr die Jüngsten und ewig nicht mehr getourt. Wenn auch manchmal etwas countrylastig, was nicht so mein Fall ist, machen sie auch schönen krachenden Rock, der mich immer noch auf die Beine bringt. Soll ich mich hinwagen?

Das letztemal war ich vor ein paar Jahren mit einer Freundin in einem Konzert von Eric Burdon. Damals hörte ich einen Jüngling mit einem Blick auf Hanna, die ein paar Reihen vor mir stand, entgeistert zu seinem Freund sagen: „Hast du die da vorn gesehen, guck bloß mal!“ Er konnte es nicht fassen. Ich tippte ihn auf die Schulter und machte ihn darauf aufmerksam, dass es eher seltsam sei, dass sie hier wären, eigentlich sei das ja unsere Musik, „aber schön, dass sie euch auch gefällt“. Und was sie wohl glaubten, wie alt der Sänger sei?

Ich frage vorsichtig bei meinem Sohn an, ob er Lust habe, mich zu den Pretenders zu begleiten. Vor dreißig Jahren hatte er einmal gesagt, es würde ihm „extrem peinlich“ sein, mich in einer Disco zu treffen. Inzwischen scheint er das, selbst bald fünfzig, anders zu sehen und ist nicht abgeneigt. So machen Mutter und Sohn sich auf den Weg in die Kulturbrauerei.

Der Saal im Kesselhaus ist groß und dunkel, die Treppe, die einzige Sitzmöglichkeit, bereits besetzt – hauptsächlich von jungen Leuten … Besorgt denke ich daran, wie schwer es mir neuerdings fällt, längere Zeit zu stehen. Wenn das man gut geht! Zum Auftakt ein Bier, das muss einfach sein, obwohl mir das auch nicht mehr so gut bekommt. Der Zapfer verzieht keine Miene, als ich zwischen den jungen Leuten an der Bierbar auftauche, ein Profi eben.

Es sind eine ganze Menge Grauköpfe zu sehen, männliche wie weibliche. Seit der Wende hat sich die Altersstruktur bei Rockkonzerten verschoben, dank vieler Ostbürger mit Nachholbedarf. Und alle kommen ganz schön in Schwung, als der Vorsänger aus L. A. seine elegischen Lieder beendet hat und die Pretenders loslegen, mit einem richtigen Knaller, wie es sich gehört. Mich reißt es sofort mit, ehe ich richtig überlegen kann, ob ich mich trauen soll, bin ich schon in Bewegung, spüre wieder die Freude und Ekstase der alten Rockzeiten. Crissy Hynde singt Altes und Neues, sie ist immer noch eine tolle Frau, sexy und „so special“ wie eh und je. „Crissy, we love you“ tönt es aus dem Publikum, und sie hat für jeden einen lockeren Spruch.

Erstaunlicherweise herrscht auch hier Rauchverbot, zum erstenmal bin ich alte Raucherin froh darüber – kein flächendeckender beißender Qualm mehr, der den Atem nimmt und die Augen brennen lässt, bestimmt auch eine Wohltat für die Musiker!

Nach einer Stunde beginnen meine Fußsohlen zu schmerzen, unauffällig mache ich ein paar Fußübungen, schüttele meine Beine aus, entlaste die Knie, entspanne die Schultern. Das hilft.

Ich halte zwei Stunden eisern durch, mein Sohn mit seinen Rückenproblemen hat schon schlapp gemacht. Ganz vergnügt und aufgekratzt machen wir uns auf den Heimweg und sind uns einig: das waren schöne Zeiten damals, und Spaß macht es noch immer!

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