Schloss-Debatte

Durch Manfred Riedels Artikel zum Berliner Stadtschloss ist bei uns im Redaktionsteam eine Diskussion entstanden. Der Hintergrund dafür ist vielleicht die mangelnde politische Debatte im Vorfeld und möglicherweise auch noch die damalige Empörung, dass die DDR 1950 das Palast Zweifeldurch den Krieg beschädigte Gebäude abgerissen hat. Unsere Diskussion war jedenfalls anregend und geprägt von gegenseitigem Respekt für die unterschiedlichen Positionen.

Die jetzige Wiederherstellung des Schlosses mutet mich wie ein weiteres Ereignis innerhalb der Rückwärtsgewandheit, der nostalgischen Verklärtheit der Vergangenheit an. Zweidrittel der Deutschen meint, früher sei alles besser gewesen. So wünscht man sich wohl „das Früher“ wieder zurück zu holen.

Dennoch: das Leben mit der Vergangenheit ist wichtig. Sie ist das Fundament unserer Identität. Dabei geht es aber um eine Erinnerungskultur, die nicht verklärt, sondern uns etwas lehrt, aus der wir lernen können – könnten. Es gibt in unserer Geschichte viele unbekannte Männer und Frauen, die für Freiheit gekämpft haben, die im Widerstand waren und unbekannt sind. Nach denen sollten wir Schulen und Straßen benennen, statt nach Fürsten und Generälen. Von ihrem Mut könnten wir lernen. Und das scheinen wir ja auch heute wieder zu brauchen.

Kommen wir wieder zum Schloss, das nun einmal gebaut wird. Immerhin halten sich dort nicht mehr Könige und Fürsten auf, sondern Bürgerinnen und Bürger dieser demokratischen Republik können und sollten es nutzen und vielleicht dafür sorgen, dass es nicht zu einer Shopping-Meile verkommt.

Dorothee Ruddat

 

Unterm Kreuz

Gemeinsam mit vielen Neugierigen stehe ich im Innenhof des wieder erstandenen „Berliner Stadtschlosses“ und betrachte die schöne Barockfassade, die mit Fanfaren blasenden oder Palmenzweige schwenkenden Engeln und preußischen Adlern bestückt ist. Da bleibt es nicht aus, dass mir so einige Gedanken kommen.

In den hier vor der Sprengung stehenden alten Schlossmauern lebten oder residierten seit mehr als 500 Jahren nacheinander Markgrafen, Kurfürsten, Könige und deutsche Kaiser.

Was hat man versucht, hier wieder aufzubauen?, geht es mir durch den Kopf. Jede Epoche hat doch – neben den Anleihen aus der Vergangenheit – eine eigene Architektur hervorgebracht.  Musste es denn unbedingt eine einfallslose Rekonstruktion sein?

Der gesamte Neubau verweist zunächst einmal auf die alte Adelsherrlichkeit und ihren Obrigkeitsstaat, auf die Kaiserzeit mit Untertanengeist, Willkür, Ausbeutung und Unterdrückung. Wenn nicht gar auf den Nationalismus, der zu den beiden Weltkriegen beitrug (Kaiser Wilhelm II. stimmte das Volk vom Balkon des Schlosses auf den Ersten Weltkrieg ein). Welch gedankenlose(?) Wiederbelebung unserer Verderben bringenden Vergangenheit!

Was ist das für ein paradoxes Gebäude! Welcher Kontrast zwischen historischer und moderner Bauweise: außen Vergangenheit  –  innen Gegenwart, außen „alte“ Fassade – innen Geschäfte, Büros und ein Hotel. Ist das nicht eine Disneyland-Inszenierung oder – schlimmer – eine Mogelpackung, ein Fake House (wie einige Zeitungen schrieben? Der Geschäftsleitung des Fördervereins Berliner Schloss e.V. gehe es in erster Linie um Wirtschaftsförderung und Standort-Marketing.)*

Gab es nicht einen Architektenwettbewerb, bei dem u.a. ein deutscher Baumeister einen Gegenentwurf mit Mut für einen offenen Raum als Symbol der modernen Zivilgesellschaft vorlegte? Fehlen den Verantwortlichen in unserer Zeit die Ideen zu einem eigenen Selbstverständnis in unserer neuen Welt, einer Republik mit Parlament, Gewaltenteilung und (mühsam erkämpfter) Versammlungs-, Rede- und Pressefreiheit?

Bei diesen Gedanken fühle ich mich unwohl. Aber es kommt noch schlimmer:

Friedrich_Wilhelm_IV_von_preussen_1847Es ist verbindlich geplant, die neu erbaute Kuppel wie ehedem mit einem 3,5 m hohen, vergoldeten Kreuz zu schmücken! So, als wolle man das alte Bündnis von Thron und Altar wieder auferstehen lassen. Nur ein Kreuz? Die – einmal echte – Fassade dieses Schlüterhofes diente dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. als Repräsentation seines Gottesgnadentums. Kuppel und Kreuz wurden hinzu gebaut. Der König ließ nämlich in der darunter liegenden Kapelle Taufen, Konfirmationen und eine Hochzeit feiern. Manche sagen: Diese Ergänzung war des Königs Antwort auf den Berliner Aufstand von 1848 mit seinen – blutig niedergeschlagenen – Barrikadenkämpfen mit 270 Toten.

Aber das ist immer noch nicht alles – neue Schwierigkeiten stehen ins Haus:

– das brisante Thema des deutschen Kolonialismus

– das Humboldtforum mit den Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und die Rückgabe der in der Kolonialzeit geraubten Objekte.

Doch diese brisanten Themen sind eines weiteren Artikels wert.

Ein Kolumnist schrieb, was die Berliner Bevölkerung brauche, sei ein Gebäude, das unsere freie demokratische Grundordnung widerspiegele. Aber wir sind ja selbst daran schuld, dass dieses Schloss auf diese Weise und zu diesem Zweck gebaut wurde. Wir hätten ja vor dem Baubeginn auf die Straße gehen können.

Peter Grießmann

*  Nach einer Forsa-Umfrage von 2013 waren 34% der Berliner für den Schlossaufbau und 61% dagegen.
Und die Kosten? Bis jetzt sind es 615 Millionen Euro. 483 Millionen kommen vom Bund, 32 Millionen von Berlin.

 

 

 

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