Gemeinsam gegen Einsamkeit im Alter

                                            

Wie jeden Nachmittag hat sich die alte Dame hübsch gemacht, den Tisch für zwei gedeckt, um etwas aufgeregt ihren einzigen Gast zu erwarten. Sie schaltet den Fernseher ein, ihre Lieblingsmoderatorin erscheint auf dem Bildschirm. Mit ihr trinkt sie ein Tässchen Kaffee und freut sich über den medialen Besuch, der zuverlässig Tag für Tag in ihrer guten Stube erscheint. Anders löst der alte Herr die Tage der beharrlichen Stille auf: Er geht in den Supermarkt, auf der Pirsch nach wenigstens einem Wort. Und wenn es nur ein Bitte‘ oder ‚Danke‘ ist, welches von der Kassiererin mit den Waren über das Fließband geschoben wird. Oder ein anderer, der sich ein Wort erschleicht, indem er den ADAC anruft. Sein Auto aber ist völlig in Ordnung.

Seit der Berliner Verein SILBERNETZ sein Silbertelefon anbietet, braucht man den ADAC nicht mehr anzurufen. Hier haben sich vor Jahren ein paar couragierte Leute, darunter die Initiatorin Elke Schilling, ein Mediziner, eine Journalistin, eine Organisationsentwicklerin, eine Krankenschwester u.a. zusammengetan. Sie hatten von der ‚Silver Line Helpline‘ in England erfahren und sich mit den Betreibern in Verbindung gesetzt. Die im Jahr 2013 in Großbritannien gegründete Silverline hat sich mit Erfolg über das ganze Inselreich ausgebreitet; inzwischen wurde in London sogar ein Ministerium für Einsamkeit etabliert.

Elke Schilling und ihre Mitstreiter*innen hatten, wie wir in einem Interview mit ihr erfuhren, das Problem der Zeit erkannt, die Initiative ergriffen und den Verein SILBERNETZ gegründet. Fünf Jahre lang haben sie hart gearbeitet, um ihr Projekt in Berlin zu realisieren.

Intensives Netzwerken, die Unterstützung durch den Humanistischen Verband Berlin Brandenburg und viele weitere Kooperationen waren nötig, um das Silbernetz zu etablieren. Die Zusammenarbeit mit dem Jobcenter im Berliner Bezirk Lichtenberg machte es schließlich möglich, Arbeitsplätze am Silbertelefon zu besetzen und damit schwerbehinderten Langzeitarbeitslosen mit entsprechender Förderung, Vorbereitung und Begleitung für die Gesprächsführung einen Weg aus Hartz 4 zu ermöglichen. Sie haben nun eine sinnvolle, gesellschaftspolitisch wichtige Aufgabe, die sie mit viel Engagement ausführen.

Der Verein SILBERNETZ hat im Wedding ein Ladenbüro mit einer Telefonzentrale, liebevoll „unser soziales Call-Center“ genannt. Er stellt die organisatorische Struktur, das Jobcenter fördert auf zunächst zwei Jahre die Mitarbeiter*innen. Über die Weihnachtsfeiertage 2018/19 wurde zum zweiten Mal eine 24-stündige Telefon-Hotline eingerichtet, um einsamen Menschen das Alleinsein zu erleichtern. Es gab sehr viele Anrufe, viel mehr als sie beantworten konnten. Aber mit etwa 100 Menschen konnten Gespräche geführt werden. Durch diese 2017/18 erstmalig organisierte Feiertagskampagne und ein ehrenamtlich von verbündeten Videofilmern produziertes Video erlangten sie große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Das war der Anstoß für eine längerfristige Förderung.

SILBERNETZ kann nun seine Dienste zu Ostern 2019 auf 14 Stunden erweitern. Im Sommer dann sind 24 Stunden – rund um die Uhr und rund um die Woche – das große Ziel, wie es in England seit vier Jahren Realität ist. Denn am Wochenende und nachts besteht der größte Gesprächsbedarf. Nachts, wenn die Einsamkeit zum Alptraum wird und am Wochenende, wenn alle anderen Auszeit haben.

Das Silbertelefon bietet ein „Einfachmalreden“ an. Das wurde auch zum Motto und Angebot, etwas gegen Alterseinsamkeit zu unternehmen. Niemand zum Reden zu haben, bedeutet häufig sozialen wie auch intellektuellen Tod, weil jegliche Anregung, jeglicher Austausch fehlen. Es betrifft Menschen, die den  Kontakt zu ihren Kindern verloren haben, den Tod von Familienmitgliedern oder Freunden verkraften müssen, immobil geworden oder durch andere Veränderungen in ihrem Leben allein sind und sich verlassen und isoliert fühlen. Bei den Jüngeren hingegen spielen Umzüge, Trennungen, Pendeln oder Krankheiten eine Rolle. Auch sie rufen manchmal an, wenn sie z.B.  feststellen, dass sie keine echten, sondern nur virtuelle Freunde in den sozialen Netzwerken haben, die nicht wirklich verlässlich sind. Die Mitarbeiter*innen von SILBERNETZ werden vom Verein für ihre Aufgabe vorbereitet und begleitet. Sie können sich jederzeit mit ihren Betreuern zu aktuellen Themen Rat holen und sich miteinander austauschen.

Elke Schilling betont ausdrücklich, dass sie kein Hilfs- oder Beratungsangebot erbringen. Sie bieten die Möglichkeit zur Kommunikation an: „Einfach mal reden“, wie sie sagt. Nichts mehr und nichts weniger. Diese Idee sei in der Öffentlichkeit schwer vermittelbar, da es sich um keine handfeste, wahrnehmbare Hilfe handele, die so konkret sei wie z.B. die Stiftung von Parkbänken für alte Leute.

Man müsse aber seine Grenzen kennen und klar kommunizieren, so Elke Schilling. So kann der Verein SILBERNETZ z.B. Menschen mit psychischen Erkrankungen nicht helfen. Die Mitarbeiter*innen von SILBERNETZ seien eben keine Therapeut*innen und auch keine Telefonseelsorger*innen. Diese Arbeit leisten das Krisentelefon und andere sehr viel qualifizierter. Ihnen nähme man im Gegenzug eben die mit dem „einfachen“ Redebedarf ab.

Parallel zu diesem wichtigen Telefondienst wurde ein zweites Standbein aufgebaut: die SILBERNETZ-Freund*innen. Sie arbeiten ehrenamtlich und übernehmen sozusagen die Patenschaft für einen alten Menschen, mit dem sie regelmäßig einmal pro Woche, und das über einen längeren Zeitraum, telefonieren. Sie werden vom Verein in einer Wochenendschulung vorbereitet, bevor sie mit ihrem älteren Menschen ins Gespräch kommen und über die Zeit mit kollegialer Intervision und regelmäßigem Erfahrungsaustausch begleitet. Diese SILBERNETZ-Freund*innen sind zwischen 20 und 85 Jahre alt, kommen aus allen Bevölkerungsschichten. Auch Mitbürger*innen nichtdeutscher Herkünfte sind darunter, was darauf hinweist, dass Einsamkeit vielerorts als Problem wahrgenommen wird. „Im bunten Berlin“ ist die Bereitschaft, sich um alte Menschen zu kümmern, weit verbreitet, obwohl die Themen Alter und Einsamkeit gesamtgesellschaftlich immer noch weitgehend tabuisiert und schambesetzt sind, ähnlich wie Armut, eben Kontakt-armut. Sie werden einfach unter den Teppich gekehrt.

Hier zeigt sich aber auch, dass die deutsche Politik bisher im Vergleich zu England versagt hat. Erst eine private Initiative musste das Thema Einsamkeit in den Fokus der Öffentlichkeit rücken. Zwar ist das Problem ja schon lange bekannt und steht auch im Koalitionsvertrag und regionale Projekte gibt es schon an vielen Orten, jedoch vereinzelt und kaum gefördert. Politisches Handeln? Lässt sehr zu wünschen übrig! Wo keine Lobby ist, bewegt sich eben auch nur wenig.

Silbernetz Spende

 

 

 

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  1. Ulrike Block-von Schwartz

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