Sterben? Ich doch nicht!

Bazon Brock farbig

Wer nicht altern will, muss jung sterben

Ein weiteres Produkt vom Büchertisch beschreibt das Altern aus Sicht der Psychoanalyse: Gutes Altern – Verborgene Chancen und Hindernisse von Helmut Luft und Monika Vogt. Auf dieses Buch muss man sich einlassen. Die Autoren umkreisen die einzelnen Themenbereiche aus verschiedenen Blickwinkeln, so dass der Leser über den pragmatischen Teil hinaus ein umfassendes Bild vom menschlichen Alter mit all seinen Facetten und Hintergründen erhält. Der rote Faden bleibt dabei manchmal etwas auf der Strecke.

Es ist ein Buch auch für junge Menschen, denn mit dem guten Altern kann man nicht früh genug anfangen. Wer sein Lebenlang gesündigt, d. h. ungesund, unvernünftig gelebt hat, hat seine Chancen für ein gutes Alter vertan. Je früher wir uns damit auseinandersetzen, wie wir unser Leben gestalten wollen, mit unserem Körper, mit unserer Seele, unseren Fähigkeiten umgehen, desto besser, sagen die Autoren. Selbstoptimierung liegt ja im Trend.

Unbequeme Wahrheiten

Helmut Luft ist Psychoanalytiker, und er breitet vor uns die ganze Palette unbequemer Wahrheiten aus: den Verfall, die Verluste, das Abschiednehmen. Dies gelte es zu akzeptieren, um es gestalten zu können. Es geht um Hinsehen, Erkennen, Verarbeiten. Von diesem Prozess handelt das Buch.
Und das liest sich denn doch etwas anders als das, was uns gemeinhin in Altersratgebern gepredigt wird: gesund ernähren, viel bewegen, am Ball bleiben usw. Auch das ist ja schon nicht immer einfach; aber wenn wir dann hören, dass wir oft gar nicht wissen, warum wir et
was tun – oder nicht tun, dass wir uns oft – unbewusst – schädigen, uns unnötiges Leid zufügen, uns an unserer Entwicklung hindern, wird es kompliziert. Wer mit der Psychoanalyse vertraut ist, weiß das. Wem diese Erkenntnisse fremd sind, kann hier viel darüber erfahren.

Sterben? Ich doch nicht!

Die Autoren stoßen uns mit der Nase darauf: »Mein Gott, sind Müllers alt geworden! Vor ein paar Jahren waren die doch noch in unserem Alter!« Und wir, sind wir denn jünger geworden oder wenigstens immer noch so wie damals? Fragen Sie mal Müllers, wie die das sehen! Das Altern, heißt es, spielt sich nicht nur im Körper ab und auf der bewussten Ebene, sondern auch auf der Ebene des Unbewussten, das wir nicht kontrollieren können und das oft seltsame Kapriolen schlägt. Laut Sigmund Freud glaubt z. B. jeder unbewusst an seine eigene Unsterblichkeit; wenigstens die ewige Jugend sollte es doch sein. So werde man dann zu sorglos, beachte Risikofaktoren nicht, und schon ist es aus mit dem guten Altern. Auch die negativen Altersklischees – Siechtum, Verfall, Hilflosigkeit – hielten sich trotz aller Aufklärung gern hartnäckig im Unbewussten und sorgten dafür, dass wir unsere eigenen Defizite nicht wahrhaben wollen und können: So will ich nicht werden (und so bin ich auch nicht .…) Die Autoren beschreiben, wie in der Literatur, in Mythen und Märchen der Jungbrunnen beschworen und von Methusalem und anderen sehr Langlebigen berichtet wird, womit sich schon die Vorfahren über Alter und Tod trösten oder hinwegmogeln wollten.

Erkenne dich selbst!

Es heißt also: hinsehen, erkennen! Aber geht denn das so einfach? Ab morgen sehe ich der Wahrheit ins Gesicht? Eigentlich wollen wir es doch gar nicht wissen: was wir nicht sehen, existiert auch nicht, wie schon der Vogel Strauß glaubt. Und da sollen wir uns so einfach selbst (er)kennen? Freud glaubte noch, bei Menschen nach dem 40. Lebensjahr hätte eine Psychoanalyse keine

Chance mehr. Doch seine Nachfolger forschten weiter und gewannen neue Erkenntnisse, so dass man heute auch noch sogenannte Hochbetagte mit Erfolg analysiert. Das Buch zeigt dies an interessanten und zum Nachdenken anregenden Fallbeispielen auf. Nicht jeder jedoch möchte eine Psychoanalyse machen, aber trotzdem »gut altern«. Ihr Buch solle dazu anregen, sich selbst und seine blinden Flecken zu durchschauen und Zusammenhänge zu entdecken, schreiben die Autoren. Aber wie können wir uns auf die Spur kommen?

Zusammenfassung und Ausblick

»Die Vergangenheit entdecken – Die Gegenwart leben – Alle Chancen nutzen – Mit dem Körper zurechtkommen – Das Gleichgewicht finden – Die Kostbarkeit der Zeit erkennen – Den Augenblick genießen – Der Zukunft gelassen entgegensehen – Tröstlicher Ausblick« so heißen die Themen des abschließenden Kapitels. Schöner kann man die Ziele eines guten Alter(n)s nicht benennen. Dass – und warum – uns das nicht von allein zufliegt, wie wir uns oft selbst im Weg sind und was wir dafür tun können, um sie zu erreichen, kann man in diesem Buch erfahren.

Helmut Luft, Monika Vogt:
Gutes Altern – Verborgene Chancen und Hindernisse
Brandes & Apsel, Frankfurt am Main 2011

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