Über und unter den Wolken

Sonntag auf dem Tempelhofer Feld

Das Tempelhofer Feld

Ach ja, das Tempelhofer Feld … es ist sehr viel ruhiger geworden über der Stadt, seitdem es mit den Starts und Landungen vorbei ist. Inzwischen auch Tempelhofer Freiheit genannt, hat es eine wechselvolle Geschichte hinter sich, die in anderen Dokumentationen ausführlich behandelt wurde.

Nach Einstellung des Flugbetriebes ist das Feld nahezu in den Urzustand der Nutzung zurück geführt. Als Brachlandschaft dient es zur Lüftung und Kühlung für die Stadt. Die unendliche Weite bietet Raum für Drachenflieger und andere Flugobjekte wie das Surf-Board, auf dem man sich vom Wind treiben lässt. Der letzte schneereiche Winter bot die Möglichkeit, auf Skiern die frischen Loipen entlang zu flitzen. Es gibt Grillplätze, Baseballterrains, Hundeauslaufgebiete, geschützte Brutwiesen für stadtliebende Lerchenpaare und Orte für Kunstprojekte.

Besonders spannend: der Boden wird wieder landwirtschaftlich genutzt. Wunderbar und urig sind diese in Neuköllner Wohnortnähe angesiedelten Kleinstgärten mit selbst ausgesäten Blumen, Kräutern und Gemüse. Verschiedene Initiativen brachten die Kiezbewohner dazu, sich in mitgebrachten Holzkisten als Gärtner zu versuchen, um auf diese Weise wieder einen Bezug zu Natur und Umwelt zu erlangen.
Dieser unendlich große Platz macht neugierig.

Das Feld

Ursprünglich gehörte es den Tempelrittern, die im 12./13. Jahrhundert aus dem Land vor dem Höhenzug von Schöneberg bis zum Dörfchen Rixdorf fruchtbares Ackerland machten. Die südlichen Hänge dieses Höhenzuges eigneten sich für den Weinanbau, auf dem Kamm trieben die starken Winde die Mühlen an. Die Bauern nutzten das riesige Gebiet als Weideland für die Tiere. Sie bauten in Dreifelderwirtschaft Getreide an zur Versorgung der umliegenden Gemeinden und auch der schnell wachsenden Residenzstadt Berlin.

Die Tempelhofer Bauern überquerten das riesige Feld, um auf kürzerem Wege nach Berlin zu gelangen und dort ihre Waren auf den Märkten zu verkaufen. Dabei mussten sie auch durch die Hasenheide laufen – ein damals noch sehr großes dunkles Waldstück – genutzt zur Hasenjagd des Adels.

Parade auf dem Tempelhofer Feld

Das Gelände der Militärparaden

Zum großen Ärger der Bauern nutzte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. das Gelände zum Exerzieren und seit 1722 für große Militärparaden, »Revuen« genannt. Bei diesen Manövern blieb kein Grashalm stehen, der Boden wurde bei den Kampfaufstellungen durchpflügt und meistens die gesamte Ernte vernichtet. Rund 20 Jahre später ließ sich der »Reisekaiser Wilhelm II« von der Eisenbahn in die Nähe des Feldes bringen und beglückte die dankbaren Berliner mit bunten Aufmärschen.

Naherholung
Sobald die Militärrevuen vorbei und Ross und Reiter sowie die Fußsoldaten verschwunden waren, kamen die Berliner und Bewohner der umliegenden Dörfer, um das große brachliegende Gelände für ihre vielfältigen Aktivitäten zu nutzen:

Man ließ Drachen steigen, breitete Decken aus, zündete Feuerchen an und bereitete kleine gemeinsame Mahlzeiten zu. Den Berliner zog es schon damals ins »Jrüne«. Man veranstaltete Wettfahrten mit Pferdekutschen und legte im Jahr 1838 eine Pferderennbahn an. Man traf sich zu Ballspielen wie Fußball und Tennis; selbst Cricket war ab den 90er Jahren in Mode. Die neuesten Fahrräder wurden ausprobiert, eine Radrennbahn angelegt, die allerdings 1931 durch einen Brand zerstört wurde.

Ließ sich das Gelände für viel Geld verkaufen, war das preußische Militär dazu bereit. So kaufte der bayrische Bierbrauer Georg Hopf mehrere Morgen des Feldes und errichtete die erste bayrische Brauerei. Der Tempelhofer Bock, von besserer Qualität als das übliche Berliner Weißbier, wurde vor Ort gebraut und in dem neuen riesigen Biergarten gezapft.

Zum Amusement der Menschen gab es dazu Sportveranstaltungen. Boxen war sehr gefragt, Freiluftkonzerte fanden dort statt, in der Nachbarschaft gastierte immer mal wieder ein Zirkus.

Die ersten Flugversuche

Die Drachenbauten wurden immer phantasievoller, die vielfältigen Ballonflugversuche nahmen auf dem Tempelhofer Feld kein Ende. Bevor Graf Zeppelin im August 1909 mit seinem Luftkreuzer ZIII der große Durchbruch gelang, waren etliche Luftschiffer bei ihren Versuchen auf dem Tempelhofer Feld vor den Augen des entgeisterten Publikums abgestürzt und ums Leben gekommen.

Mit der Eingemeindung der Dörfer wie auch Tempelhofs mitsamt dem Feld wurde Berlin im Jahr 1920 richtig groß und benötigte dringend einen Flughafen. 1923 wurde er eingeweiht, 1926 entstand die Luft-Hansa mit dem Kranich als Emblem.

Unter den Nationalsozialisten sollte der Flughafen Weltbedeutung erlangen, das Gebäude dem zunehmenden Verkehr und zugleich deren Größenwahn angepasst werden. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ersetzte das Hakenkreuz den Kranich.
Das Empfangsgebäude sollte den Repräsentationsansprüchen der Nazis genügen. Ernst Sagebiel, ein Architekt, der noch bei Mendelssohn den Stil der Neuen Sachlichkeit gelernt hatte, wurde mit der Konstruktion beauftragt. Es entstand ein beeindruckendes Bauwerk, das heute unter Denkmalschutz steht.

Zwischennutzung und Zukunft

Im Mai 2008 wurde das Flugfeld für die Bevölkerung geöffnet und seitdem intensiv für die verschiedensten Aktivitäten genutzt. 2009 führte der Volkentscheid zur Schließung des Flughafens. Gründe dafür waren die hohe Umwelt- und Gesundheitsbelastung, die Unfallgefährdung der Berliner Bevölkerung, aber auch der Aspekt der Unwirtschaftlichkeit. Nach der Schließung begann eine heftige Diskussion um die Zukunft von Flughafen und Feld.

Grobplanung des Senats

Die Bebauungspläne ernten aus verschiedenen Gründen viel Kritik, u. a. weil die weniger finanzstarken Bevölkerungsgruppen durch steigende Mietpreise aus dem Umfeld des Flughafens vertrieben werden könnten. 2010 wurden die Ergebnisse eines Landschaftsarchitekten-Wettbewerbs zur Gestaltung des Feldes vorgestellt. Das über 300 Hektar große Terrain in den Griff zu bekommen, war bei den Maßgaben keine leichte Aufgabe. Und so wirken die meisten Entwürfe entsprechend unausgewogen und hilflos: von biederer Bewaldung, über die Anlage eines großen Berges oder eines riesigen Sees bis zu futuristisch anmutenden Szenarien, bei denen man sich nicht vorstellen kann, dass sich dort jemals jemand wohl fühlen sollte.

Wir, die Autorinnen, plädieren für großzügige, ganzheitliche Konzepte: Hier muss groß und großräumig gedacht werden, nicht architektonische Beliebigkeit, sondern durchdachte Konzepte sind gefordert statt kleinkarierter Angebote für »Zwischennutzer« durch die Vergabe von Geländeteilen für Skater, Shaolin-Mönche, Bratwurst-Stände, Mini-Golf, Skateparcours, Schrebergärten, Wiesenmeere oder auch die Gartenbauausstellung. Die Gefahr besteht, dass aus der temporären Nutzung eine Dauernutzung wird und es am Ende dem Tempelhofer Flughafen ebenso ergeht wie der Mauer: Sie ist so gut wie verschwunden, Spuren der Erinnerung sind weitgehend gelöscht.

Gekürzte und überarbeitete Fassung der Abschlußarbeit im Rahmen eines BANA-Studiums an der TUB 2010/11

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.