Hinterm Horizont

Liebe Dorothee,

weißt du noch, wie wir uns kennen lernten? Ich war auf der Suche nach Räumlichkeiten für einen Stammtisch. Wichtiger, als mir eine Antwort darauf zu geben, war dir der Antrag, mich für ein geplantes Zeitungsprojekt zu gewinnen. Von dieser deiner sehr ambitionierten Idee war ich sofort überzeugt. Du wolltest die herrschenden Klischees über ‚uns Alte‘ kritisch unter die Lupe nehmen, einen Paradigmenwechsel herbeiführen und mehr Öffentlichkeit herstellen.

So entstand 2009 ein Team von engagierten Leuten, deren unterschiedliche Standpunkte du professionell und souverän gelenkt hast – was nicht immer ganz einfach war. Wir brachten drei Printausgaben zustande, für deren Finanzierung du emsig gesorgt hast. Danach kam der Blog, die ökonomisch vertretbare Variante, was aber leider zu einer Reduzierung des Teams führte.

Aber zurück zum Anfang: Weißt du noch, wie alle, aber wir häufig zu zweit, ausgeschwärmt sind, um auf Märkten, vor Theater- und Konzerthäusern, vor Stolz fast platzend, die erste Ausgabe unserer Passagen zu verteilen? Zusammen sind wir in die Randbezirke Berlins gefahren, um Bibliotheken, Altersheime, die Volkssolidarität zu versorgen und auf unsere Arbeit aufmerksam zu machen. Dort sammelten wir allerdings nicht immer die besten Erfahrungen und die erwünschten Rückmeldungen blieben auch aus. Von den Tagungen und anderen Veranstaltungen, wo du oft auf dem Podium gesessen hast, kam zwar Wohlwollen, aber auch nicht die erhoffte Resonanz. Schon gar keine Kohle, mit der wir weitere gedruckte Ausgaben hätten finanzieren können. So kam der Blog – der läutete eine neue Ära ein.

Erst mal mußten wir uns durch den Dschungel dieser neuen Technologie kämpfen. Auch hier hast du uns bei Laune gehalten und angespornt, diese Herausforderung anzunehmen. Mit deiner Hilfe haben wir auch das mit Bravour geschafft, na ja, aus unserer Sicht jedenfalls. Immer warst du der Motor, das Herzstück und – auch wenn wir keine hitverdächtige Rockgruppe sind – unsere Frontfrau. Wie wird es ohne dich weitergehen, liebe Dorothee?

Aus unserer Projektarbeit entwickelten sich freundschaftliche Bande. Weißt du noch, wie wir vor einigen Jahren zu unseren Töchtern nach Kalifornien geflogen sind? Die eine in San Francisco, die andere in L. A. lebend. Du, die erfahrene Vielfliegerin, ich, die Debütantin mit erheblichen Manschetten vor diesem ersten Flug in die Staaten. Du hast mich ganz selbstverständlich ins Schlepptau genommen, mich durch Transitzonen geschleust, so daß ich nicht wie die alte Dame in deiner kleinen Betrachtung „Die Frau im Labyrinth“ vom 13. 12. 2018 im Flughafen strandete, und mich sicher ans Ziel begleitet. Angekommen, empfing uns deine Tochter mit zwei Blumensträussen – für jede von uns einen. Beide waren wir zu Tränen gerührt. Bei ihr verbrachten wir ein paar sehr erholsame Tage, bevor du, wie in fast jedem Jahr, zu deinem Sommerurlaub nach Stinson Beach am Pazifik gefahren bist. Nie zuvor habe ich dich so glücklich und so entspannt erlebt.

Auch in Berlin machten wir manch ein Faß auf. Erinnerst du dich noch an unsere ungewöhnliche Dampferfahrt, wo der Kapitän eines Linienschiffes einen vom Fahrplan abweichenden Abstecher zum Anleger in Kladow machte? Einzig und allein für uns beide! Damit wir unseren Anschluß nach Potsdam bekamen! Dort verputzten wir eine riesenradgroße Pizza und nippten an unserem Rotwein. Es war ein sehr heißer Sommertag.

Überhaupt: Du warst den Gaumengenüssen nicht abgeneigt. Gerne hast du selbst gekocht, neue Rezepte ausprobiert, mir den Mund wässerig gemacht und dafür gesorgt, daß viele deiner meist vegetarischen Rezepte in meine Sammlung übergegangen sind.

Wir sind auch gern mal konditern gegangen, haben diverse Kuchenbüffets in dem einen oder anderen Café gestürmt, neben dem obligaten Kaffehausbesuch nach unseren Redaktionssitzungen. Doch auch die geistige Nahrung kam nicht zu kurz: Kino-, Theater-, Museumsbesuche, das kulturelle Angebot war ja noch sehr üppig.
Alles in allem: Lebensfreude war immer eine Maxime für dich. Und nun das bittere Ende. Doch: Um es mit Udo Lindenberg zu sagen: Hinterm Horizont geht’s weiter / Ein neuer Tag / Hinterm Horizont immer weiter / Zusammen sind wir stark!

In unserer Zukunfts-WG nämlich, im Friedwald nahe Berlin, wo wir uns zu deinen Lebzeiten einen prachtvollen Baum aussuchten, geht’s dann irgendwann für uns weiter. Ich glaube, wir haben uns noch viel zu erzählen. Was meinst du?

Deine Freundin Urte

Comments
  1. Helga Schemetzko
  2. viola ruddat

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