Wenn man trotzdem lacht

Momentan ist unser tägliches Leben dominiert vom Thema Ansteckung – von der Gefahr davor sowie seiner Vermeidung. Niemand möchte in diesen Zeiten krank werden. Doch es gibt auch eine Art positiver Ansteckung: Lachen z.B. kann ansteckend sein. Im Gegensatz zum teuflischen Corona-Virus, ist Lachen gesund und macht eben nicht krank. Diese Erkenntnis haben sich die Rote-Nasen-Clowndoctors schon vor vielen Jahren zur Grundlage ihrer Arbeit gemacht. Sie besuchen regelmäßig krebskranke Kinder im Krankenhaus, um diese mit ihrer Methode, Lachen zu verbreiten, therapeutisch zu begleiten. Lachen? Vielleicht ein probates Mittel in diesen beunruhigenden, angstvollen Pandemiezeiten.

Foto: ROTE NASEN Deutschland e.V.

Schon der Volksmund kennt den Spruch „Lachen ist gesund“. Hinter dieser Volksweisheit verbergen sich physiologische Fakten: Lachen ist nämlich eine Körperreaktion, aus einer Reihe von unwillkürlichen Kontraktionen der Gesichtsmuskeln hervorgehend. Durch intensives Ein- und Ausatmen erzeugt das Zwerchfell eine Fülle von Tönen, wobei sich gleichzeitig die übrigen Muskeln lockern. Das Lachen breitet sich wellenförmig über die gesamte Muskulatur aus, so dass wir es bis in den Bauch spüren. Dabei öffnen sich die Bronchien, reichern das Blut mit Sauerstoff an, was wiederum das gesamte Herz-Kreislauf-System aktiviert und von großer Bedeutung für die körpereigene Immunabwehr ist. Sogar Schmerzen können in Schach gehalten werden.
Auch in der Psychotherapie ist das Lachen ein wichtiges Element, mit dem sich schon Freud in seiner Abhandlung über den Humor beschäftigt hat. Es heißt ja: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Trotzdem! Trotz aller Widrigkeiten, die uns momentan plagen: Angst vor dem Krankwerden, Entzug aller Umarmungen, verstärkte Einsamkeit, für viele die materielle Existenzangst… Wer es schafft, diesen Widrigkeiten die Stirn zu bieten und ins Gesicht zu lachen, schöpft daraus potentiell Kraft, sie zu bewältigen. „Lachen ist wie ein Besuch im Fitnessstudio“ – ein Fitnessstudio für die Seele. Das kann zwar anstrengend sein, aber danach ist man gestärkt. Lachen baut Stress ab. Lachen befreit. Die höchste Kunst ist das Über-sich-selbst-Lachen, weil es Selbstreflexion verrät und eine Distanz zu sich selber schafft, sich selbst zum Gegenstand des Humors macht und dem seelischen Gleichgewicht dient. Also: Lachen ist überlebenswichtig, wie es in der Süddeutschen Zeitung heißt.

Ernst Barlach, Lachende Alte, 1937 Foto: Andreas Weiß, Hamburg © Archiv Ernst Barlach Stiftung Güstrow

Unsere Sprache kennt mannigfaltige Arten des Lachens, die lautmalerische Namen haben, wie schallend, perlend, höflich, verführerisch, verschlagen, schadenfroh, boshaft, irre oder  schmunzeln und lächeln. Und dann ist da noch das herzhafte Lachen, das tief aus dem Herzen kommt und kraftvoll ist. Unterschiede erkennen wir am Klang, aber auch an der Mimik, speziell an der Stellung des Mundes. Auch wenn wir jetzt mit Mundschutz herumlaufen, wird man feststellen, dass man auch nur an den Augen erkennen kann, ob jemand lächelt. Lachen braucht also keine Sprache. Lachen ist interkulturell – es ist in allen Kulturen als solches zu erkennen, nur möglicherweise unterschiedlich zu interpretieren.
Und es gibt es auch das Lachen gegen die Ohnmacht, wenn einem gar nicht mehr zum Lachen zumute ist, einem eigentlich das Lachen längst vergangen ist und es einem gründlich die Sprache verschlagen hat. Das nennt man wohl Galgenhumor. Er ist ein Ventil und kann zu diktatorischen Zeiten befreiend wirken, sowie eine entlastende Funktion haben. Warum fürchten Diktatoren das Lachen wohl so sehr? Weil es sie lächerlich macht, ihren Machtanspruch in Frage stellt.

Zur Zeit des Nationalsozialismus hatte sich der politische Witz, der sogenannte Flüsterwitz, als Mittel des passiven Widerstandes etabliert. Anfangs wurde er geduldet. Aber im Laufe der Jahre wurden die Reaktionen der Machthaber immer aggressiver. Wer solche Witze erzählte, wurde mindestens als „notorischer Volksschädling“ eingestuft und musste mit Gefängnisstrafen rechnen. Auch in der DDR gab es absurde, bitterböse, tieftraurige und hochkomische Witze. Sie dienten dazu, „den Alltag wegzulachen“. Sie galten als „staatsgefährdende Propaganda und Hetze“. Bis in die 50er und 60er Jahre riskierte man ein bis drei Jahre Gefängnis. Auch in arabischen Autokratien und Diktaturen haben Witze eine lange Tradition. Dort konnte man Witze nur hinter vorgehaltener Hand erzählen, wollte man nicht im Gefängnis verschwinden. Zu Beginn der arabischen Aufstände begegnete die junge Generation der Repression mit einer regelrechten Flut von Witzen und Satire.

Buster Keaton mit „pork pie hat“ ca. 1939

Es ist schon bemerkenswert, wie sehr Diktatoren den Witz fürchten – eine so harmlose, friedliche Waffe, vor der sie aber dennoch zusammenschrecken. Für die Menschen, deren Situation nicht zum Lachen ist, wird der Ausdruck, etwas ist zum „Tot-Lachen“ möglicherweise lebensgefährlich. Wir benutzen ihn allerdings als Steigerung für besonders witzig. Da liegen „tot“ und „lachen“ nah beieinander – wie man ja auch bis zu Tränen lachen kann.

Kehren wir an den Anfang zurück: Lassen Sie sich nicht vom Virus, wohl aber vom Lachen anstecken. Doch Vorsicht! Lachen Sie nicht zu unbändig, brechen Sie nicht in ungebremste Lachsalven aus. Das könnte Sie in einen Sprühregen von Aerosolen hüllen und Sie tatsächlich mit dem Virus infizieren. Also, auch hier unterliegt der Satz „Lachen ist gesund“ den allgemeinen Einschränkungen in Coronazeiten.

 

 

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.