Wir pendeln lieber

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Interview mit dem Vorsitzenden des türkischen Rentnervereins

Auch „Gastarbeiter“ werden alt. 50 Jahre nach der Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen der Türkei und Deutschland hat die erste Generation der türkischen „Gastarbeiter“ längst das Rentenalter erreicht. Anders als von ihnen selbst und von den Regierungen geplant, sind sie zum großen Teil hier geblieben und haben Familien gegründet. Allein in Berlin leben 14.000 Türken über 65, dazu noch einige tausend, die die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen haben.

Vor allem bedingt durch die einfachen, gering bezahlten Arbeiten, die ihnen offen standen, erhalten türkische Einwanderer dieser Generation im Durchschnitt 20 Prozent weniger Rente als Einheimische – rund 650 Euro.

Wie leben und denken die „Gastarbeiter“ von damals heute?

Güner Yüreklik sprach mit dem Gründer und Vorsitzenden des Hilfs- und Solidaritätsvereins für Rentner, Behinderte und Senioren EM-DER, Erdo?gan Özdinçer (74). Als er 1962 hierher kam, war er 26 Jahre alt. Zuerst arbeitete er in Köln für einen Stundenlohn von 2,35 Mark. 1968 ging er nach Berlin. Durch sein politisches Engagement und die Mitarbeit in der Gewerkschaft wurde er nach drei Jahren als Ausländerberater beim DGB eingestellt. Dort blieb er fast 20 Jahre und ging 1996 mit 60 Jahren in Rente.In Berlin hat er zweimal geheiratet. Aus der ersten Ehe hat er zwei Töchter, aus der zweiten einen Sohn, der heute „ein gesuchter und berühmter American-Football-Trainer“ ist.

Wie verläuft Ihr Leben als Rentner?
Mein Leben verläuft zwischen zwei Welten. Sechs Monate hier, sechs Monate in der Türkei.

Warum sind Sie nach Ihrer Berentung nicht für immer in die Türkei zurückgekehrt? Das ist ja immerhin Ihr Vaterland.
Ich fühle mich in der Türkei aufgrund meiner Lebensart und aus gesundheitlichen Gründen nicht sicher. Sicher fühle ich mich nur hier, deshalb werde ich nie aufhören, meine Verbindung zu Deutschland aufrechtzuerhalten. Außerdem habe ich hier Kinder und auch Enkelkinder und die sind nicht dafür, in der Türkei zu leben. Deshalb ist es mir lieber zu pendeln.

Sie haben hier einen türkischen Rentnerverein gegründet und sind seitdem auch Vorsitzender? Wann wurde dieser Verein gegründet?
Den Verein haben wir 1992 gegründet und seitdem bin ich Vorsitzender. Damals waren wir nur 60 Leute, jetzt haben wir über 800 Mitglieder. Aber diese Mitglieder pendeln auch zwischen der Türkei und Berlin. Viele erscheinen hier nicht mehr und so sind es ungefähr 100 bis 150 Personen, die unseren Verein dauerhaft besuchen.

Wie viele türkische Rentner kehren für immer in die Türkei zurück und wie viele nicht und warum? Warum bleiben viele türkische Rentner in Deutschland?
Wenn die erst mal Rentner geworden sind, dann pendeln sie. Die, die hier bleiben, haben entweder keine Familie in der Türkei, keine Existenz dort, und sind allein hier oder sie sind krank oder behindert und bleiben dann hier.

Sie sagen, dass die türkischen Rentner, die hier bleiben, vor allem aus gesundheitlichen Gründen oder wegen der Kinder bleiben. Das sind alles materielle Gründe. Gibt es nicht gefühlsmäßige Gründe, wenn man so lange, 30 oder 40 Jahre in diesem Land gelebt hat, eine Liebe zu Deutschland zu entwickeln? Dass man in Berlin bleibt, weil es einem hier besser gefällt als in Istanbul oder der übrigen Türkei?
Kann man nicht sagen, dass es einem hier besser gefällt als in der Türkei oder in Istanbul. Istanbul gefällt uns allen besser als alle anderen Weltteile. Nur aus gesundheitlichen Gründen halten wir unsere Verbindung und aus familiären natürlich, mehr nicht. Wenn wir gesundheitliche Versorgung oder Möglichkeiten in der Heimat gehabt hätten, dann wäre, nach meiner Schätzung, keiner der ersten Generation hier geblieben, kein türkischer Rentner. Die wären alle zurückgekehrt.

Und was sind die Gründe? Schlechte Ausländerpolitik oder haben die Türken der ersten Generation auch selbst manches falsch gemacht? Was sind ihrer Ansicht nach die Gründe für dieses Verhalten, hin- und herzupendeln? Und dafür, dass man Deutschland nach so vielen Jahren trotzdem nicht mag und nur aus materiellen Gründen hier bleibt?
Die aus der ersten Generation hatten schon so lange gearbeitet, geackert, sie hatten nur ein Ziel, das Rentenalter zu erreichen. Nachdem sie es erreicht hatten, hatten sie geplant, in ihrer Heimat
weiter zu leben. Viele haben das verwirklicht. Die leben dort. Heutzutage gibt es immer noch Diskriminierung oder Ausländerfeindlichkeit und das stört uns natürlich. Wenn es dunkel ist auf der Straße, als alter Mann allein zu gehen, das stört uns, das ist klar. Seit 50 Jahren diskutiert man in Deutschland über die Integration. Dabei vergisst man, dass Deutschland bis vor kurzem keine Einwanderungspolitik hatte und nicht als Einwanderungsland angenommen wurde. Man hat immer wieder die Türken in Deutschland als integrationsunfähigen „Störfaktor“ gesehen. Die Türken, gerade der ersten und zweiten Generation, haben sich deshalb nie diesem Land zugehörig gefühlt. Wir wurden immer wieder diskriminiert, nicht als Mitbürger akzeptiert. Trotz allem: Wir bleiben hier, weil wir seit 50 Jahren mit unseren Kindern Wurzeln geschlagen haben. Im Laufe der Zeit haben wir uns auch von der Türkei immer weiter entfernt, aber in Deutschland keine warmherzige Heimat gefunden. Außerdem: Wenn wir hier bleiben, bekommen wir Hilfe vom Sozialamt oder Arbeitsamt. Die geben uns auch ein bisschen Unterstützung und so leben wir hier weiter. Lieber pendeln wir. Wenn wir hier sind, besuchen wir einen Arzt, nehmen unsere Medikamente oder bekommen Wohngeld von der Sozialhilfe. So gestalten wir unser Leben. Das bedeutet Zufriedenheit.

Sind alle türkischen Rentner zufrieden? Was für Probleme haben die türkischen Rentner der ersten Generation?
Die türkischen Rentner haben nur gesundheitliche und finanzielle Probleme. Finanziell deshalb, weil sie keine ausreichende Rente haben, aber wenn sie dauernd hier bleiben, bekommen sie auch Unterstützung. Wenn sie in der Türkei sind, dann gibt es gesundheitliche Probleme. Auch die hier leben, haben gesundheitliche Probleme, d. h. wir sind nicht mehr jung, auch wir brauchen Ärzte, Medikamente oder Massagen usw. Das sind unsere Probleme, ja, es gibt viele davon, aber das Hauptproblem ist das finanzielle und das gesundheitliche.

Finanzielle Probleme. Wie viel bekommt heutzutage ein türkischer Rentner durchschnittlich?
Als die Türken hierher kamen, waren sie unqualifizierte Arbeiter – immer. Und die meisten Frauen haben als Putzfrauen gearbeitet oder in Teilzeit. Deshalb bekommen sie natürlich weniger Rente durchschnittlich, ich schätze, die niedrigste Rente ist 300 Euro im Monat und die höchste vielleicht 1000 Euro. Aber soviel bekommen nur sehr wenige ausländische, also auch türkische Rentner.

Können Sie uns ein bisschen über die Probleme der türkischen Rentner aus der ersten Generation mit der zweiten und dritten Generation schildern? Also die, die sie mit ihren Kindern haben.
Die erste Generation hat mit ihren Kindern Probleme, so lange sie arbeitslos sind. Wir haben natürlich große finanzielle Probleme, weil die Kinder von uns Eltern unbedingt eine Unterstützung erwarten. Wir können unsere arbeitslosen Jugendlichen doch nicht dauernd versorgen! Das ist ein finanzielles Problem und führt heutzutage bei den Jugendlichen häufig zur Kriminalität. Das stört unsere Familien, das stört auch unsere Umgebung. Wenn sie Arbeit hätten, könnten sie ihr Geld verdienen und unsere Generation weniger belasten. Und wir möchten auch, dass in der Familie Ruhe herrscht – sonst nichts. Unsere finanziellen Probleme sind größer geworden, seit wir Rentner sind. Ich hab von vielen gehört, als er arbeitete, verdiente er z. B. 1000 Euro, nachdem er Rentner geworden ist, nur noch 600. Er hatte immer 1000 Euro nach Hause gebracht, jetzt plötzlich nur noch 600. Dadurch herrschte in der Familie Unfrieden, weil es finanziell nicht wie früher war und eine finanzielle Sackgasse bringt die Familie durcheinander. Das schafft Probleme zwischen den Eheleuten und darüber hinaus ist das Verhältnis zu den Kindern gestört.

Die Türken schicken ihre Eltern also nicht ins Altersheim?
Nein. Aus zwei Gründen: aus Familiengründen. Es ist eine Schande, so etwas zu tun. Zweitens aus finanziellen Gründen. Weil ich Rente bekomme, sie nach Hause bringe und nicht wie früher zur Bank zum Sparen. Und unsere Kinder nutzen das, weil das Geld in einen Topf reinfällt. Aber bei den Deutschen ist das nicht so.

Die Tradition, mit der Familie zusammenzuleben, hält noch weiter an?
Ja, z. B. schickt eine junge deutsche Familie, wenn ihre Eltern alt geworden sind und noch eine andere Person bedürftig ist, die Eltern in ein Altersheim. Die haben dafür Verständnis – wenn die Kinder gezwungen sind, das zu tun, dann tun sie das. Aber bei den Türken ist das nicht so. Wir bringen unsere Eltern niemals in ein Altersheim.
Wir sind als Familie gewöhnt, mit den Kindern, mit dem Großvater zusammen zu leben. Das ist in den deutschen Familien nicht so. Sie sind ganz anderer Ansicht. Sie schicken ihre Kinder weg, wenn sie 18 sind, nach dem Motto: Verdiene dein Geld allein, wohne irgendwo, geh weg. Wir können unseren Kindern so was nicht sagen. Wenn ein Kind unsere Hilfe benötigt, dann unterstützen wir es, so lange wir am Leben sind. Das ist der Unterschied zwischen der deutschen und der türkischen Mentalität. Aber diese Tradition, mit der ganzen Familie zusammen zu leben, das ändert sich bei den Türken auch im Laufe der Zeit, wegen der industriellen Entwicklung und der veränderten Lebensweise.

Und was machen Sie in Ihrem Verein? Sie haben gerade das 18. Jahr Ihres Bestehens gefeiert. Was für Aktivitäten gibt es konkret?

Der Verein ist jeden Tag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Die ältern Leute kommen hierher, verbringen ihre Zeit und sprechen über ihre Probleme. Das sind arbeits- und sozialrechtliche Probleme. Wenn z. B. ein älterer Mann Arbeitslosengeld oder Arbeitslosenhilfe bezieht, muss in bestimmter Zeit sein Antrag neu gestellt werden. Wir füllen den aus, auch den Rentenantrag. Ihre  Schwerbeschädigtenminderungen beantragen wir und legen auch Einspruch ein, aber bei Gericht können wir sie nicht vertreten. Nur einen Einspruch einlegen und dann schicken wir sie zu einem Rechtsanwalt. Und wir machen auch, wenn es Gelgegenheit dazu gibt, Kurzreisen innerhalb Deutschlands. Früher  vor zehn Jahren noch, haben wir Reisen in die Türkei, nach Frankreich und Prag gemacht. Aber heutzutage sind die Rentner, die hier verkehren, alt geworden. Auch gibt es finanzielle Schwierigkeiten nach der Einführung des Euro. Sie nehmen nicht mehr teil an solchen teuren oder langen Reisen. Also versuchen wir Eintagesreisen zu machen. Morgens früh fahren wir los und kehren abends zurück.

Und wir veranstalten hier sehr oft Geburtstage und frühstücken gemeinsam. Und solche Sachen wie Kinobesuch, Theaterbesuch machen wir dazwischen auch.

Interview Güner Yüreklik

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