Wir tun was wir können

Palliativmedizin: das Konzept für ein würdevolles Sterben

Abschied braucht Zeit – Kein Geld zum Sterben – Wie wollen wir sterben? So lauten die Titel von Büchern und Zeitschriftenartikeln zum Thema Sterben. Von Lebensqualität ist in vielen Untersuchungen und Diskussionen in den Medien die Rede. Es wird Zeit, über die Qualität des Sterbens zu reden. Die Situation Sterbenskranker ist oft gekennzeichnet von Lebensverlängerung um jeden Preis – manchmal um den Preis eines qualvollen statt friedlichen Sterbens. Welche Entwicklungen der Medizin haben zu diesem Immer- Immerweiter von Leben geführt, welche Interessen verbergen sich dahinter? Aber vor allem stellt sich die Frage, wie ein menschenwürdiges Sterben im Sinne des Patienten gestaltet werden sollte – besonders momentan, da eine Diskussion zur Veränderung des Gesetzes zur Sterbehilfe im Deutschen Bundestag ansteht.

Intensivstation

Das Thema Tod und Sterben wurde lange aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt. Eine wichtige Ursache davon ist: der ausschließliche Blick von Ärzten, Patienten und der Öffentlichkeit auf das Machbare, das technisch-apparativ Machbare, man könnte auch sagen auf den Machbarkeitswahn. Das Patientenwohl aber ist unter dem Diktat des Satzes „Wir tun was wir können“ verschwunden. Die therapeutischen Bemühungen richten sich inzwischen auf das Objekt Krankheit und verlieren das Subjekt „kranker – oder auch sterbender – Mensch“ aus dem Auge.
Anfang der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begann eine neue medizinische Epoche hoch effektiver technischer Neuerungen in der Therapie. Seitdem verfügt die Medizin über Mittel und Möglichkeiten den akuten Tod zu verhindern, das Leben zu verlängern und die Qualität des Lebens zahlloser Kranker zu verbessern (z.B. Dialyseverfahren, Organtransplantationen, Techniken der Wiederbelebung). Zusammen mit neu entwickelten Medikamenten versetzte sie die Ärzte in die Lage, in schwerste Krankheiten, ja den Sterbeprozess einzugreifen, die Lebensdauer in Richtung Ewigkeit zu verlängern und nährte so deren Allmachtsfantasien. Als Folge davon steht nun nicht mehr der Patient im Mittelpunkt des Interesses, sondern die Technologie, die für die Behandlung von Organen und Körperfunktionen geeignet scheint. Diese Tendenz wird noch verstärkt durch die Entwicklung zu Spezialisten und Subspezialisten, so dass sich der Blick auf das kranke Organ oder Teilsystem richtet, statt auf den kranken Menschen als Ganzes. Auf diesem Hintergrund hat sich das Selbstverständnis der Ärzte verändert: das Ziel ärztlichen Handelns ist die medizinische Behandlung geworden – statt das Wohl des zu behandelnden Menschen.
Wenn der Satz „Wir tun was wir können“ nicht mehr erfolgreich gesagt werden kann, so ist das Sterben des Patienten eine von Ärzten subjektiv als Niederlage erlebte Situation. Das daraus folgende Handeln ist Lebenserhaltung um jeden Preis, Kampf um jeden Tag, jede Stunde Verlängerung. Das Sterben selbst soll am besten medizinischen Eingriffen zugänglich gemacht werden – das bedeutet, es soll möglichst gar nicht mehr stattfinden. Das kann allerdings für den Patienten ein grausames und qualvolles Sterben bedeuten. Der Auftrag der Ärzte ist es das Wohl des ganzen Patienten zu sehen – also auch für ein friedliches Sterben zu sorgen. Statt Lebensverlängerung als oberste Maxime, sollte es um Leidenserleichterung sowie körperliches und seelisches Wohlbefinden des Patienten gehen.

Das ist das Anliegen der Palliativmedizin, deren Grundidee es ist: „Nicht dem Leben mehr Zeit, sondern der verbleibenden Zeit mehr Leben zu geben“ (vgl. Abschied braucht Zeit, S. 25). Es geht um ein umfassendes Betreuungskonzept für lebensbedrohlich Kranke und Sterbende und ihre Angehörigen. Viele Menschen wünschen sich einen sanften, schmerzfreien Tod – eine Hoffnung, die sich nicht oft erfüllt. Mehr Lebensqualität für Sterbende erfordert palliativmedizinische Betreuung bei der Linderung von Schmerzen und Hilfen bei Luftnot und Angst- und Unruhezuständen. Die Palliativmedizin richtet sich gegen sinnlose Therapieversuche, die den Patienten belasten und verhindern, dass der Patient die verbleibende Lebenszeit optimal nutzen kann.
Die Palliativmedizin führt zurück zu dem ursprünglichen Auftrag der Ärzte: das Patientenwohl als Maßstab des Handelns, das heißt, auf die Gesamtheit der Bedürfnisse der Patienten einzugehen. Der Blick auf die umfänglichen Facetten des Lebens mit seinen nicht nur biologischen, sondern auch psychischen, sozialen, ethischen und spirituellen Anteilen ist verloren gegangen, infolgedessen auch das Verständnis des Menschen in seiner Gesamtheit und die entsprechende Handlungskompetenz. Diese ganzheitliche Sicht auf den Patienten ist das Konzept der palliativmedizinischen Betreuung, wozu also auch die Unterstützung der Angehörigen im Umgang mit dieser für die meisten Menschen unbekannten Situation gehört. Daraus kann sich eine neue Sterbekultur entwickeln und die gesellschaftliche Wahrnehmung verändern: so wie das Gebären von Kindern zum Leben gehört, so ist auch das Sterben kein biologischer Unfall, sondern ist Teil des Lebens.

Bank

In Deutschland ist die Palliativmedizin ein Stiefkind der Medizin. In einem ansonsten medizinisch hoch entwickelten Land ist sie im internationalen Vergleich qualitativ und quantitativ weit unter dem Niveau. Jedenfalls kann man keine große Karriere auf diesem Fachgebiet machen. Allerdings ist auch international damit kein Blumentopf zu gewinnen, wie der Notfallmediziner de Ridder schreibt: „Große Medizinerkarrieren gründen nicht etwa auf der Erforschung der Versorgungsbedingungen aussichtslos Kranker.“ Ein veränderter Stellenwert der Palliativmedizin ist notwendig – in Gesellschaft, Politik und Medizin.

Studenten haben einen Beitrag dazu geleistet, indem sie dafür gestritten haben, dass dies ein eigenes Fach bleibt und seit kurzem Prüfungsfach ist. Es ist allerdings nach wie vor keine eigene Fachrichtung, sondern nur eine Zusatzqualifikation. Durch den demographischen Wandel entsteht heute ein Druck, der der Palliativmedizin mehr Gewicht verleiht. Es gibt zwar Fortschritte, aber die Versorgung liegt weiter hinter dem Bedarf zurück. Seit 2007 gibt es einen gesetzlich verbürgten Anspruch auf eine spezialisierte ambulante Palliativversorgung, aber die Krankenkassen kommen in der Umsetzung nur schleppend voran. Das diesbezügliche Interesse ist noch gering und Deutschland kann nach wie vor in diesem Bereich als Entwicklungsland bezeichnet werden. So ist es besonders dreist, wenn der CDU-Abgeordnete Michael Brand in einem Interview anlässlich der Debatte über Sterbehilfe ständig auf die Palliativmedizin als Lösung verweist – ohne zu erwähnen, dass diese dringend weiter ausgebaut werden muss.

Wird das Motto „Abschied braucht Zeit“ ernstgenommen, dann entstehen viele Umsetzungsprobleme, denn Zeit ist Geld und es gibt „kein Geld zum Sterben“. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung äußert sich de Ridder dazu: Es wird „künftig eine Verschiebung der Ressourcen geben müssen, personell wie finanziell, weg von der Akutmedizin – die an Bedeutung verlieren wird – und hin zu einer palliativ orientierten Medizin“ und der Pflege von chronisch Kranken und Alten. Jetzt jedenfalls sind unheilbare Kranke und Sterbende die am meisten benachteiligten Patienten. Bedeutet das: in Zukunft sollen weniger Menschen geheilt und dafür mehr Menschen medizinisch besser behandelt werden, wenn es um Schwerstkranke mit Schmerzen und Atemnot geht? Heißt das also bei den vorhandenen Ressourcen muss abgewogen werden nach dem Motto: Heilung contra würdevolles Sterben? Das ist mitnichten der Fall. Eine Studie aus Harvard nennt ein Beispiel von einem Patienten mit fortgeschrittenem Lungenkrebs, bei dem die frühzeitige Einbindung der Palliativmedizin in die Betreuung zu einem geringeren Einsatz von Chemotherapie und gleichzeitig längerem Überleben bei besserer Lebensqualität geführt hat – und dazu noch kostensparend war! Also verschlingt die Übertherapie auch noch viel Geld. Da sollten doch für Politik und Krankenkassen die Prioritäten klar sein! Aber die Gesundheitsindustrie vertritt ihre Interessen am Profit aus den lebensverlängernden Therapien und nutzt schamlos die verzweifelte Hoffnung Schwerstkranker und ihrer Familien aus. Nicht nur „Kein Geld zum Sterben“ ist also ein Problem, das andere ist, dass sich mit dem zu Ende gehenden Leben viel Geld verdienen lässt.

Es gibt also ein Wirrwarr von Interessen: von Krankenhäusern und ihren Budgets, desgleichen von Ärzten, die der Krankenkassen, der Gesundheitsindustrie, der Politik und last but not least die der Patienten. Da darf es nur eine Richtschnur geben: das Wohl von uns als Patienten – bis hin zum Sterben. Als Sterbenskranke brauchen wir unsere Familien, Freunde und auch Ärzte unseres Vertrauens, um auf dieses Wohl zu achten und es durchzusetzen. Eine solche zunehmende Auseinandersetzung kann auch zu einer besseren palliativmedizinischen Versorgung in unserem Land führen. Und dann hoffentlich auch zu einer neuen Sterbekultur.

Zur Geschichte
Was bedeutet das Wort Palliativmedizin)? Ursprünglich kommt es aus dem Lateinischen: pallin = Mantel, Umhang, palliare = bedecken, tarnen, lindern. Verwendet wurde es in der europäischen Literatur im Sinne von „dämpfend, erleichternd“, in der Politik im Sinne von „das Übel nicht kurierende, oberflächlich bleibend“. Schon im 16./17. Jahrhundert gab es intensive Diskussionen zur Cura palliativa als unverzichtbare Alternative zur kurativen (=heilenden) Behandlung. Dabei wurde der Begriff auch polemisch verstanden: Er diffamierte die Ärzte als „weniger gebildete Konkurrenz“, die man für „unfähig erklärte“. So hatte die Palliativmedinzin ein negatives Image. Die Wiedereinführung des Wortes stammt von einem kanadischen Arzt. Er nannte 1973 eine Krankenstation „Palliativ Unit“.

Wer sich zum Thema des Palliativmedizinkonzeptes intensiver informieren möchte, dem seien besonders zwei Bücher empfohlen:

 

Abschied braucht Zeit
H. Christof Müller-Busch
Suhrkamp TB
Eine umfassende Darstellung, die differenziert, mutig und einfühlend geschrieben ist und durch die vielen Beispiele aus dem Erleben des Autors auch gut lesbar.
H. Christof Müller- Busch war maßgeblich beim Aufbau der Palliativversorgung in Deutschland beteiligt.

Wie wollen wir sterben
Michael de Ridder
Ein ärztliches Plädoyer für eine neue Sterbekultur in Zeiten der Hochleistungsmedizin
Ein Buch, das meisterhaft den Spagat schafft zwischen sachlicher Information und leidenschaftlicher Parteinahme und den Anstoß gibt zu einer breiten, gesellschaftlich notwendigen Debatte
Michael de Ridder ist Vorsitzender einer Stiftung für Palliativmedizin

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.