Wisch und weg


Ach und Weh digitaler Technologie

Ein Wisch – und schon erscheint eine neue Welt, klingelt es, poppen ein Bild, eine Nachricht, Werbe- und andere Infos auf. Unaufhörlich hält das Smartphone seine Besitzer in Atem, gängelt sie anhand ihrer unersättlichen Neugier, setzt ungeahnte Akzente, verführt, jagt Mogelpackungen und falsche Nachrichten übers Netz. Gut, könnte unsereins einwenden, an der Angel hängen ja nur junge Leute, die sich auf diese Weise oftmals abhängig machen, steuern und manipulieren lassen.

Unzweifelhaft: Wir leben im digitalen Zeitalter. Eine Meldung, ob Horror oder nicht, jagt die nächste, Zeit wird beschleunigt oder schnurrt zusammen, die globalisierte Welt wird kleiner, Schauplätze rücken näher, Weltbilder geraten ins Wanken. Alles wird flüchtiger und kurzlebiger, das Gedächtnis macht da schnell mal schlapp. Und das, ja das ist die Chance der medialen Hexenmeister, der IT-Konzerne, das Worldwideweb in unsere Köpfe zu implantieren. Geeignetes Instrument dafür sind das Internet und sein mobiler Abkömmling, das Smartphone.

Festzuhalten ist: Ich habe einen Laptop zu Hause, bin also mit der großen weiten Welt verbunden, so richtig modern, und möchte die Vorzüge des Internets nicht mehr missen. Die vielen Mails, die TV-Mediatheken, Nachrichten, überhaupt Informationen aller Art. Ganz besonders die Allwissenheit von Wikipedia,  meinem digitalen Gedächtnis, das mir keine großen Anstrengungen mehr abfordert – so wie der Taschenrechner, der mir das Kopfrechnen abnimmt,  Ich müsste die Wohnung nicht mal mehr verlassen, um rundum gut informiert zu sein, und könnte wie mein Laptop brav zu Hause bleiben: jetzt, zu Corona-Zeiten, gezwungenermaßen.

So weit, so gut. Im Internet surfe ich zu Hause herum. Mehr in Ruhe, mehr konzentriert und achtsam. Deshalb habe ich mich entschieden, mein Smartphone ausschließlich als Telefon zu benutzen, wie übrigens viele ältere Menschen, und zwar aus vielfältigen Gründen. Unterwegs brauche ich kein Internet. „Wenn ich Auskünfte brauche, muss das Zeit haben, bis ich wieder zu Hause bin. Das ist dann so ähnlich wie beim GPS. Ich setze lieber meinen restlichen Grips ein, um mich zu orientieren. Falls ich mich mal wirklich verlaufen sollte, habe ich eine Denkaufgabe.“, meint mein Kollege.

Doch so ganz ohne Nutzung dieser technischen Möglichkeiten eines Smartphone – was mache ich, die dieser Maschine einigermaßen kritisch gegenüber steht, da bloß? Unterwegs, und darüber sprechen wir, habe ich ja keinen Zugriff auf die geballte Ladung von Apps zum Beispiel, die aktuelle und immer noch aktuellere Informationen bereithalten und den Nutzer damit in Sicherheit wiegen.

Für mich hingegen senden sie nicht nur Botschaften über den Äther, sondern sind eher schillernde Hängematten mit Riesenlöchern, die zu Trichtern geformt, allerlei Daten absaugen und an deren Betreiber weiterleiten. Kennen Sie noch den Schlager „Pst, pst, hinter Ihnen steht einer…“ von Bully Buhlan? Heute müsste man ergänzen „und liest mit wie sonst keiner“.

Was mache ich nur, wenn in absehbarer Zukunft unsere Bankinstitute von der Bildfläche verschwinden und ihre Kunden zu elektronischem Zahlungsverkehr zwingen? Selbst beim Onlinebanking müssen inzwischen Zahlungen zunehmend über das Smartphone bestätigt werden. Wie will ich das bloß anstellen, wenn ich doch – zwar mobil, aber im offline-Modus lebe? Was, wenn es bald keine Banken mehr gibt, kein Personal für Auskünfte, nicht mal mehr Automaten, an denen ich meine Überweisungen tätigen kann? Wer soll meine Bankgeschäfte erledigen oder welche Dienste müsste ich in Anspruch nehmen? Und wie soll ich mir all die Passwörter und Pins merken?

Wenn dann noch das Bargeld abgeschafft werden würde, wie sollte ich meinen Einkauf bezahlen, wenn das nur noch über das Smartphone ginge? Sollte ich klammheimlich die Dinge des täglichen Bedarfs stehlen oder bis an mein Lebensende Bittstellerin an einer Tafel werden? Über Apps etwas bestellen, ach, das kann ich ja gar nicht. Bringedienste über den Laptop aktivieren? Das ginge. Aber Mehrkosten, die Flut an Verpackungen, die verstopften Straßen, genervte Lieferanten und Messenger – keine Alternative für mich.

Auch die neuen smarten Assistenzsysteme verwirren mich eher als dass sie mir bisher eine Hilfe sind. Denn sie müsste ich erst programmieren und ihnen dann helfen, wenn sie Probleme machen. Also, was mache ich mit der neuen, elektronisch gesteuerten Waschmaschine, dem vernetzten Kühlschrank, dem smarten Fernseher? Auch die Fernbedienungen für all die Geräte können einem den Verstand rauben. Da wird man auf den Kundendienst verwiesen, der nur über die Website zu finden ist. Mit viel Glück findet man dort sogar eine Telefonnummer, um eventuell Hilfe zu holen! Aber da muss man schon sehr sehr großes Glück haben.

Soll ich also wieder den Volksempfänger entstauben, das Waschbrett aus dem Keller holen, nur noch dicke Milch trinken, dem Fernsehen abschwören? Sollten vielleicht meine Nachkommen meine Angelegenheiten regeln? Die haben sowieso nie Zeit! Oder vielleicht die Nachbarn fragen? Die haben auch keine Zeit, sind mit sich selbst und der Bewältigung ihres Alltags beschäftigt. Eine Privatsekretärin einstellen? Dazu müsste ich erst eine Bank überfallen.

Auch ich möchte gern mal verreisen. Doch Fernflüge, ach du Schreck, können nur noch online gebucht werden. Anders als Bahnreisen, die kann man noch, ich sage n o c h, am Schalter direkt kaufen. Und beides natürlich im Reisebüro – so lange es diese noch gibt.

Zu Weihnachten gab es diesmal eine Digitalkamera und schon wurde nachgeholt, was die jungen Leute so aus dem Effeff beherrschen: Fotos am laufenden Band geschossen. Doch die sind nun eingesperrt in die kleine handliche Kamera, in minimalistischem Format und nicht immer leicht wieder zu finden. Eine Lupe ist auch meist nicht zur Hand. Altmodisch wie ich nun mal bin, hätte ich gern das haptische Vergnügen, sie als Fotos, ganz analog und auf Papier gedruckt, in der Hand zu halten und anzuschauen.

Was also bleibt mir altem Mütterchen? Eine engelsgleiche Heerschar von edelmütigen Helfern – natürlich ehrenamtlich. Für den Gebrauch des Internets im Allgemeinen, bei technischen Störungen oder irgendwelchen Operationen im Netz sowieso. Ich fühle mich abgeschnitten von den Zeitläuften, abgehängt, ausgeschlossen, oftmals allein gelassen. Springt da vielleicht der kleine niedliche Roboter mit den großen Kulleraugen in die Bresche, der mich trösten und von nun an die alltäglichen Dinge meines Lebens regeln und meine Stimmung heben soll?

Wie umgehen mit dem rasanten Tempo in der Weiterentwicklung der digitalen Technologie sowie den ständigen Neuheiten auf dem Elektronikmarkt und der damit einhergehenden Sprache, die uns mit neuen Worten flutet, die für mich oft kryptisch sind. Selbst jüngere Leute kommen da oft nicht mehr mit und scheitern bei ihren Erklärungsversuchen, wenn man sie fragt. Oder wissen Sie auf Anhieb, was QR-Codes, Cookies, Bots, Blockchain, Adblocker, Cyber-grooming, Trolle etc. sind? Vielleicht wissen Sie, wo die Trolle wohnen, das ja, vielleicht kennen Sie ja sogar einen?

Wie nur soll es da uns alten Herrschaften ergehen? Immerhin können wir noch die Tageszeitung lesen, während die Jungen verzweifelt und erfolglos über sie hinweg wischen, um die Seiten umzublättern. Auch sie ratlos.

Vielleicht sollten wir alten Leute ein Online-Dschungel-Camp ins Leben rufen, wo wir jede Menge Algorithmen verspeisen, uns im digitalen Sumpf wälzen, App-Dessous tauschen, mit E-Rollern die Dattelpalmen hoch- und ‘runtersausen, massenweise Zucker in die Rechenzentren schütten. Wie wär‘s? Wer hat Lust dazu und macht mit?

 

 

 

 

 

 

 

 

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  1. Elke Tesche

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