Wohnen und leben im Alter

Braucht Berlin eine Wohnschule?
Mit diesem etwas provokanten, wenn nicht irritierenden Titel war eine Veranstaltung in der Kiezoase, einem Schöneberger Nachbarschaftstreff in Berlin, angekündigt, die am Abend des 21. Oktober stattfand. Als Hauptreferentin war Karin Nell aus Düsseldorf angereist. Vor langer Zeit hat sie mit Kolleginnen in Nordrhein-Westfalen das Projekt „Wohnschule“ gegründet. Es ist vor allem in Köln ansässig, aber es gibt auch bereits einige Ableger in ganz Deutschland. Von der Wohnschule habe ich schon vor einigen Jahren in Münster gehört, war spontan begeistert und überzeugt von diesem Ansatz: Von der Idee, sich rechtzeitig und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven dem Thema anzunähern, was man sich wünscht und vorstellen kann für das eigene Wohnen und Leben im hohen Alter.

Das Café der Kiezoase war gut gefüllt mit vielen Interessenten. Karin Nell berichtete eingangs über die Entwicklung der Wohnschule in einem Kölner Quartiersprojekt. Dort hatte sich gezeigt, dass gerade das Thema Wohnen auf überraschend großen Gesprächsbedarf stieß.
Karin Nell stellte dann einzelne Bausteine der Wohnschule vor, beginnend mit der Frage des „Sich-kleiner-Setzens“ , z.B. was würde ich mitnehmen, wenn ich den Rest meines Lebens in einem Wohnwagen verbringen sollte? Eine schwierige Frage (wie jeder weiß, der viel zu viele Sachen hat), für deren Lösung Karin Nell einige kreative Antworten vorstellte. Weiter ging es mit den verschiedenen Formen des Wohnens im Alter, die sich ständig fortentwickeln.

Matthias Ries Design Office

Die Zahl hochaltriger Bürger steigt dramatisch an. Jetzt kommt die Zeit, in der die geburtenstärksten Jahrgänge Deutschlands, die Babyboomer, vor dem Ruhestand stehen. Sie haben an ihr Wohnen im Alter ganz andere Ansprüche als frühere Generationen. Sie sind es gewohnt, ihr Leben selbstbestimmt und partizipativ zu führen. Daraus werden sich wohl weitere Alterswohnformen ergeben. Auch wenn bei der allergrößten Zahl der Menschen das Bedürfnis besteht, zuhause in der vertrauten Wohnung und Umgebung alt zu werden, ist es doch für jede*n von Vorteil, sich rechtzeitig Gedanken über einen „Plan B“ zu machen und weitere Ideen zum Wohnen im höheren Alter zu entwickeln. Vorstellbar für die Vorbereitung wäre etwa eine „Aussteuer“ für das kleiner gesetzte Wohnen beispielsweise in Pflegeeinrichtungen, eine passgenaue Zusammenstellung von Gegenständen einschließlich Möbeln, die wirklich zu einem passen, eine Art Essenz des eigenen Lebens.

Am automatisch kleiner werdenden Radius älterer Menschen setzte das nächste Thema an, die Stadtteilerforschung: Was gibt es, was brauche ich, was vermisse ich in meinem Kiez? Dazu gehören auch die Nachbarn, die menschlichen Beziehungen, deren „Qualität“ Karin Nell im Folgenden thematisierte: Kontakte – Beziehungen – Verbundenheit. Vom unverbindlichen Miteinander bis zu tiefer Verbindung reicht die Skala. Es ist hilf- und aufschlussreich, sich einmal intensiv mit der Frage des persönlichen Netzwerks auseinander zu setzen, sowohl mit den Personen, die es ausmachen, als auch mit der eigenen Rolle: Wer unterstützt mich? Wer inspiriert mich? Wer redet Klartext mit mir? In Bezug auf die Nachbarschaft sollte man sich die Unterschiede zwischen Nachbarschaftskultur, Nachbarschaftshilfe und schließlich professioneller Nachbarschaftsarbeit bewusst machen.

An die zahlreichen Denkanstöße, die Karin Nell mit ihrem Vortrag geliefert hatte, schloss sich die Vorstellung eines Wohnschulseminars an, das in der Kiezoase stattfinden soll. Es wird acht Schwerpunkte geben. Zwei bis drei Exkursionen – z.B. einen gemeinsamen Besuch in einem Pflegeheim. Basis des Seminars ist die Interaktion und der gedankliche Austausch der Teilnehmer*innen, deren Erwartungen, Wünsche und Ideen, aber auch Ängste wichtiger Bestandteil wären. Auf dieser Grundlage bietet das Seminar ein abwechslungsreiches Programm zum Thema „Wie will ich leben und wohnen im Alter?“

Im Ratgeber für Wohnen im Alter heißt es: Man muss sich kümmern, solange man fit ist, nachher steht man da und muss nehmen, was kommt. Es ist unbedingt empfehlenswert, sich gemeinsam mit anderen rechtzeitig und in positiver, angstfreier Offenheit mit dem Thema auseinander zu setzen.

Wohnschulseminar mit 4 Terminen freitags nachmittags ab Februar 2020
Kosten: 50,-€ erm. 30,- €
Information und Anmeldung unter: kiezoase@pfh-berlin.de

 

 

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.