Zu alt, um dabei zu sein

Eine 62-jährige Frau arbeitet mit vielfältigen und verantwortungsvollen Aufgaben in einem Steuerberatungsunternehmen. Es werden mehrere jüngere Kolleginnen und Kollegen eingestellt, und plötzlich darf die Frau nur noch Post sortieren und Kaffee kochen. Ihr Wunsch, wieder anspruchsvollere Tätigkeiten zu bekommen, wird ausgeschlagen – es seien keine Aufgaben abzugeben.

Dieser Fall wurde an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes herangetragen. Er ist ein klassisches Beispiel für Diskriminierung aufgrund des Alters. Dank des 2006 in Kraft getretenen Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes können solche Diskriminierungen geahndet werden. Das Gesetz im Bereich des Arbeitslebens, bei Rechtsgeschäften des täglichen Lebens wie der Wohnungssuche sowie bei privatrechtlichen Versicherungen.

Altersdiskriminierung ist weit verbreitet und zugleich unterschätzt: Etwa 20 Prozent der knapp 17.000 Beratungsanfragen, die bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes bisher eingegangen sind, betreffen diesen Bereich. Nach den Ergebnissen einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, die wir im Rahmen unserer Forschung in Auftrag gegeben haben, geben überdies rund 15 Prozent der über 60-Jährigen an, in den letzten zwei Jahren wegen ihres Lebensalters diskriminiert worden zu sein. Dabei häufen sich vor allem die Berichte aus der Arbeitswelt, wie das Beispiel zeigt. Der Frau im Steuerberatungsunternehmen konnte geholfen werden: Die Antidiskriminierungsstelle erreichte eine gütliche Einigung. Der Arbeitgeber entschuldigte sich, die Frau übernahm wieder ihre bisherigen Aufgaben.

Doch es gibt zahlreiche weitere Fälle: Beschäftigte werden bei Beförderungen übergangen oder gar nicht erst berücksichtigt. Fortbildungen „lohnen sich nicht mehr“. Manche empfinden auch die starren Regelaltersgrenzen als altersdiskriminierend, denn ältere Menschen werden zunehmend fitter und bleiben arbeitsfähig auch über die Regelaltersgrenze hinaus.

Altersdiskriminierung kommt nicht nur im Job selbst vor, sie fängt schon bei der Arbeitssuche an. Ein Mann Ende 50 berichtete, dass er bei rund 60 Bewerbungen nur drei Mal zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen wurde – das jedes Mal mit einer Absage endete.

Ältere Menschen, die sich an die Antidiskriminierungsstelle wenden, berichten häufig auch von Benachteiligungen bei Geschäften und Dienstleistungen, also im Bereich des Zivilrechtsverkehrs. Typische Beispiele sind hier Ungleichbehandlungen beim Zugang zu Finanzdienstleistungen, etwa Immobilienkrediten oder bei privaten Versicherungen.

Leider ist der Spielraum für Rechtfertigungen für Dienstleistungsanbieter hoch. Der Rechtsschutz ist im Einzelfall nicht immer einfach durchzusetzen. Wie lässt sich zum Beispiel bei einer Absage belegen, dass jemand aufgrund des Alters abgelehnt wurde? Da muss der Personalverantwortliche schon deutlich geworden sein. Oder wer geht gern gegen seinen Arbeitgeber vor? Zumal am Ende eines erfolgreichen Prozesses nicht die Wiedereinstellung oder Beförderung steht, sondern eine Entschädigung oder Schadenersatz – so will es das Gesetz.

Die Antidiskriminierungsstelle fordert daher rechtliche Verbesserungen: So müsste die Regelung zur Beweislast im Sinne der Betroffenen verbessert werden, etwa durch die Einführung eines Auskunftsanspruchs für abgewiesene Bewerbende. Im Bereich der Kredite und Versicherungen sollten die Ausnahmetatbestände enger gefasst werden. Es gibt aber auch „weichere“ Maßnahmen als rechtliche Änderungen, die ebenfalls einiges bewirken können: Ein wichtiges Instrument für bessere Chancen sind anonymisierte Personalauswahlverfahren. Dabei wird im ersten Schritt gänzlich auf persönliche Angaben wie Alter, Geschlecht, Familienstand, Herkunft und auch auf ein Bewerbungsfoto verzichtet. Nur die Qualifikation zählt.

Es gibt auf internationaler Ebene bereits seit geraumer Zeit Bestrebungen der Vereinten Nationen, weltweit eine Konvention zum Schutz älterer Menschen zu schaffen. Sie wäre ein wichtiger Baustein im Einsatz gegen Diskriminierung, aber auch gegen Gewalt älteren Menschen gegenüber. Ähnlich wie die 2008 von Deutschland ratifizierte Behindertenrechtskonvention könnte solch ein Übereinkommen auch in Deutschland wichtige neue Impulse liefern.

Und schließlich muss es auch darum gehen, verbreitete Stereotype und negative Altersbilder anzugehen. Denn solche Vorurteile haben nachhaltigen Einfluss darauf, wie wir miteinander umgehen. Es ist dringend geboten, hier zu einem differenzierteren Altersbild zu kommen, das auf den Erfahrungen, den Kompetenzen und Fähigkeiten älterer Menschen basiert.

Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
kostenlose Erstberatung  bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes
Tel. 030 18555 1855 (Mo 13–15, Mi und Fr 9–12 Uhr)
Email: beratung@ads.bund.de

Karikatur: www.franziska-becker.de

Titelbild: https://barbarahenniger.de

Anmerkung aus der Redaktion: Es gibt Forderungen, dass der Schutz vor Altersdiskriminierung ins Grundgesetz gehört – so wie in Schweden, der Schweiz und Finnland.

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